Jäh und jenseits von distanzierter Anschauung

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von Sudden Rise

Billett, Bier, Hallo. Wir begrüssen und erklären uns: erklären, was wir so meinen, erklären (unbeholfen) unsere Gemütszustände, erklären die schwierige Akustik im Foyer. Versuchen die Worte zu finden, den Ton zu treffen und so authentisch zu sein, wie es eben geht im Rahmen der allgemeinen Aufregung. Irgendwann stolpern wir in den Saal und plaudern im Sitzen weiter, murmeln, tuscheln und schmunzeln über die feierliche Stimmung.

Dann lässt uns die Dunkelheit still werden. Etwas im Innern des Publikums atmet auf und sinkt ins kühle Dunkle hinein, wo sich das Erklären erübrigt. Das Cello beginnt zu erzählen. Als es verstummt, setzt eine Flut von Bildern und Bässen ein. Sie überschwemmt, überfordert und verweist mahnend auf Vergangenes, das weiterwirkt. Durch die Flut taucht eine Gestalt auf und mit ihr eine Stimme, die sich wie ein warmes Gewebe im Saal ausdehnt. Wu Tsangs Worte erklimmen bald lyrische Höhen, wo sie sich der Verständlichkeit entziehen, sich verzerren und ducken, dann wieder weiten und auftürmen.

Meine Ohren taumeln den anmutigen Sätzen wie Irrlichtern nach, folgen ihrem Schlingern, ihrer eigenwilligen Weise zu umkreisen, ohne auszusprechen. Ich versuche zu verstehen, will begreifen, festhalten, einordnen – und versage. Poesie ist keine Verschlüsselung einer eindeutigen Botschaft, sondern eine zärtlichere, lebendigere Art, sich Wirklichkeiten anzunähern. Der einsetzende Tanz fängt die Wortschwaden auf, verwandelt sie und trägt sie über das Sagbare hinaus. Zunächst wirkt er wie ein bewegtes Vexierbild. Wo beginnen die Körper, wo endet ihre Projektion? Worin liegt das Echte, worin die Täuschung, das Abbild?

Erst im Aufgeben der Analyse verschiebt sich mein Blick. Erst da, wo ich zu fühlen beginne, gibt sich Feineres zu erkennen. Ähnlich wie im Betrachten eines Stereogramms, nehmen meine Augen dort allmählich Formen in der Form wahr. Sie empfinden den Kampf der tanzenden Körper, die mit ihren Projektionen ringen, sich gegen sie aufbegehren, von ihnen verdrängt und zurückgeworfen werden. Sie erfahren den unheimlichen Aufwand, den es das ganz Eigene, Innere kostet, sich zu zeigen und für sich selbst zu stehen. Sie begleiten die schmerzliche und unermüdliche Annäherung daran, das Innere nach Aussen zu tragen und nach Aussen zu behaupten.

Aber Wu Tsangs Performance-Gruppe fragt auch und vielleicht vor allem, wie das Aussen diesem Innern begegnet – inbesondere wie wir einander anschauen. Die Worte „There is no nonviolent way to look at somebody“ bleiben still und schwer hängen. Eben darin unterscheide sich Sympathie von Empathie. Während die Sympathie aus der Distanz eines bestimmten Blickwinkels entstehe, manifestiere sich Empathie durch unmittelbare Nähe, Anteilnahme und embrace. Nichts hätte Letzteres besser zeigen können als die ebenso plötzliche wie innige Umarmung mitten im Tanz von boychild und Josh Johnson, die mich jäh und jenseits von distanzierter Anschauung traf.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.