O Einsamkeit, it hurts so badly

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere vom Wunschkonzert.

Sie betritt die Wohnung, gross, schlank, eine Mittvierzigerin mit Kurzhaarschnitt und ernstem Gesicht. In der Rechten die schwarze Handtasche, Post und Prospekte untern Arm geklemmt, in der Linken eine Einkaufstasche von Migros. Uff. Die Finger schmerzen vom Tragen, dieser ganzen Plackerei. Routinemässig den Fernseher eingeschaltet, eine amerikanische Reality-Show. Das Eingekaufte mit dem Kassabon abgeglichen, dann in Kühlschrank und Regale verstaut. Eier, Tomaten, Brot, Spülmittel etc. Jetzt rasch aus den Klamotten raus und in den bequemen Pyjama. Die Strümpfe werden ans Licht gehalten - keine Laufmaschen? -, anschliessend im Lavabo gewaschen und aufgehängt. Weisse Bettwäsche landet in der Waschmaschine, deren Geräusche alles Weitere grundieren. Abschminken, Mitesser ausdrücken, wie seh ich aus? Nobody cares. Das Radio andrehen, ein Wunschkonzert. Hübsche Geschichten auf Schwyzerdütsch, dazu Musik. Sie wiegt ein wenig die Hüften, es sind gute Songs. Wasser tropft in den Wasserfilter. Jetzt den Küchentisch decken. Auf einem Holzbrett aufgereiht Butter, Emmentalerkäse, Erdbeerkonfitüre. Zwei Knäckebrotscheiben liegen ordentlich auf dem Teller. Kein opulentes Abendessen. Begleitet vom Blättern in Prospekten und versonnenen Spielen mit dem Löffel. What comes next? Die Zigarette. Und dann eilig aufs Klo. Wie erleichtert gibt sie sich jetzt den Rhythmen der Musik hin, tanzt, wobei sie Pfeffermühle und Salzstreuer in den Händen schwingt. Doch schon wartet das Computerspiel, in dem sich eine Single-Figur durch eine ähnliche Wohnung manövriert. Wiederholung des Gehabten. Kann das Spass machen? Sie zieht das Sofabett aus, richtet es her, putzt sich die Zähne, spuckt eine gelbliche Flüssigkeit aus. Sie deckt den Frühstückstisch: Teller, Kaffeetasse, Eierbecher, Besteck. Legt die Kleider für den nächsten Tag zurecht. Eine Pedantin, die alles unter Kontrolle haben will. Denn was bliebe ihr ohne die Rituale.

Was sagen? Noch nie war ich so nahe an einer Schauspielerin dran, ich konnte sehen, wie Danuta Stenkas Nasenflügel bebten, wie ihre Schläfenader pulsierte, wie ihre grüngrauen Augen ins Leere starrten. Fast berührte ich ihren Ellbogen, als sie am Küchentisch sass, und war schon versucht, ihr auf Polnisch "Smacznego!" (Guten Appetit) zuzuflüstern, um sie aufzuheitern. Noch nie habe ich Einsamkeit auf so beklemmende Weise dargestellt gesehen - als minuziöse Abfolge von Gesten und Handlungen, in Echtzeit. Wir sind dabei, wir sind mittendrin. Achtzig Minuten lang, ohne eine Sekunde der Langeweile. Bis zum bitteren Ende, dessen Zwangsläufigkeit sich durch zwanghafte Gewohnheiten und Abläufe angekündigt hat. Nein, sie kann nicht anders, diese schöne, stumme Frau. Obwohl sie beim Tanzen so viel Temperament gezeigt hat. What went wrong? Diese Frage begleitet mich in die Zürcher Nacht.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.