Im Schein des Augenblicks

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von In the Mood for Frankie.

Weisse Marmorplatten von dünnen schwarzen Äderchen durchzogen bilden einen Steg am Boden. Ein von goldenen Kordeln umrahmter Laufsteg wie ein gespiegeltes Kreuz. Ornamentales multikulturell präzise arrangiert. Rundherum schwarzglänzender Lack, samtbezogen: Klavierhocker.

Knallig der Auftakt: das betäubende Getrommel eines Strassenumzuges. Karneval oder Totenfest? Das bleibt meinen Ohren ein Rätsel. Ein auditiver Sog jedenfalls. Die Musen sucht man nicht, sie finden einen.

Ein Wasserbecken, weiterer Teil des Steges, schimmert hell. Bei allem Schein, die Fische und das Wasser sind echt.

Ein Beduinentänzer schleicht über den Steg, ein tierisches Etwas. Applaus, Applaus ab Konserve. Die Wadenmuskeln der Tänzer spielen slow motion. Barfuss, wie auf Stöckelschuhen die Fersen hochgedrückt. Die Musik: von Klassik über Ethnopop zu Contemporary Indie.

Zu schnellen Beats kontrastieren langsamste Bewegungen. Die drei Körper tanzen bis in die Gesichtsmuskeln. Diese sind mal maskenartig verzogen, dann wieder ekstatisch verdreht, der Blick ins Nirgendwo. Barfüssiger Ernst, auf Zehenspitzen beleuchteter World Dance querbeat.

Wiederkehrend, die wellenden Hüften, wogende Eleganz. Kokettes Spiel oder ernsthafte Ironie – it’s your choice.

Der Laufsteg als Laufbahn. Sicher scheinende Zone dem Publikum wie den Tanzenden. Je länger das Stück, desto gezielter wird der Raum zwischen Laufsteg und Publikum ausgelotet. Grauzone, Schattenreich der begehrlichen Blicke und bebenden Körper.

Schwarze Satinjacke blumig bestickt. Lasziv wogt es in der Jogginghose. Zehen auf die Kunststoffbastmatte gesetzt. Die Bewegung wird eins mit den weissen Ornamenten darauf.

Musen sind geschlechtslos. Eine giesst Wasser aus einem Plastikbehälter zu den schwimmenden Fischen. Leichte Gitarrenklänge passend zum Surface. Die bewegenden Gesichtsmuskeln werden zu Geschichtsmuskeln. Die Körper sprechen: Geister from the past moving around everywhere.

Von den Musen entführt werden. Der Schmerz im ganzkörpertätowierten Dress verspricht: For ever. Das ist lange. Die Dornenkrone, ein schwarzes Paillettenkissen. Projektion, nichts als Projektion!

Nun Rüschen zu löchrigem Shirt, schweissgetränkt. Dann betrunkene Schritte im weissen Satinmorgenmantel. Eine Stimme singt: The ways that gone, going, hold on to – the ways that you choose. Der Morgenmantel mit roten Blumen bedruckt. Plötzlich ein konstruktiver Stoff – Geometrie in schwarz, rot, weiss. Dann Tüll. Hauchdünn, zerbrechlich fast.

Irgendwann geht jeder vom Steg. Bühne adieu, Publikum bye, bye, augenzwinkernd zelebriert. As times go by choose a bittersweet symphony for the end.

Der Marmor wird schwarz und die Adern schimmern weiss.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.