Vom Himmel durch die Welt zur Hölle

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von Faust I & II.

An diesem Samstagnachmittag tobt Zürich. Demonstranten und Gegendemonstranten des «Marsch fürs Läbe» bekämpfen sich. Mit Parolen, Wortgewalt, aber auch mit Steinen und brennenden Containern. Die einen loben das Leben als Gotteswerk, verurteilen Abtreibung und wollen «die Stadt verändern», die «den Segen Gottes so sehr nötig hat». Die anderen wittern einen Angriff von «Ewiggestrigen» auf die tolerante Gesellschaft, die Selbstbestimmung der Frau und die weltoffene Stadt. Die Krawalle um den richtigen Glauben bringen den ÖV durcheinander und die Premiere des Faust-Marathons am Pfauen muss verspätet beginnen.

Doch nichts könnte den beiden neuen Intendanten gelegener kommen als dies. Der tobende «Nachmittag der Extreme» (NZZ) ist ein perfekter Beweis dafür, dass dem neuen Team im Auftakt gelingt, was auch wie ein abgedroschenes Motto oder ein frommer Wunsch tönen könnte: Man möchte mit der Stadt in Dialog treten. Was den Menschen der Stadt unter den Nägeln brennt, soll auch auf den Theaterbrettern lodern, sozusagen. Das neu gestaltete Theaterfoyer symbolisiert es: offene Struktur, Betonwände und Spiegelungen tragen das Stadtleben in das «enge Bretterhaus» (Faust I) und die Theaterwelt in die Stadt hinaus.

Ist es an diesem Samstagnachmittag nicht so, als würden gerade tausende Demonstranten und Gegendemonstranten in der Stadt über die Gretchenfrage debattieren: «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? […] Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon. […] Das ist nicht recht, man muss dran glauben!» Und Faust: «Muss man?». Ist es nicht so, dass der Stadt gerade die Frage unter den Nägeln brennt, ob und wie eine Frau in welcher Situation und ab welchem Zeitpunkt als Kindsmöderin gelten soll oder nicht? Nur nebenbei: Am Ende von Faust I verurteilt die Hölle (Mephistopheles) die Kindsmörderin («Sie ist gerichtet!), aber der Himmel (Stimme von oben) begnadigt sie («Ist gerettet!»).

Damit kommen wir nun noch zu demjenigen «Nachmittag der Extreme», der auf der Pfauenbühne stattfindet. Der Ritt «vom Himmel durch die Welt zur Hölle», den man da acht Stunden lang (!) erleben (und ersitzen) darf, ist schlicht fantastisch. Die Aufführung bleibt so nah am Text und trotzdem spricht die 200 Jahre alte Tragödie von unserer Zeit, von den Zweifeln und Gelüsten heutiger Menschen, von Technik- und Wirtschaftsgläubigkeit, von Verführung und Manipulation. Und wie nebenbei aber höchst vergnüglich reflektiert das postdramatische Theater über die Betrachtung des postdramatischen Theaters in der Spiegelung des postdramatischen Theaters. Wirklich «posttraumatisch» ist das – dem tobenden Zürich also nur zu empfehlen.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.