Das mit der Liebe ist leider ein bisschen gar schnell vorbei

Ein Erfahrungsbericht über Kasimir und Karoline

Kasimir und Karoline, das ist das Stück, das man gesehen haben muss! Das jedenfalls sagten alle meine Freundinnen und Freunde vor ungefähr zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Jahren. Regie: Marthaler.

Ich habe es leider trotzdem verpasst, dafür bin ich dann seinen Danton, seinen Pessoa und andere Männerstücke schauen gegangen, deren Inszenierungen ich alle langweilig fand – bis ich vor einem oder zwei Jahren ein Stück von ihm am Pfauen gesehen hab, der Text zwar ein bisschen platt, aber plötzlich habe ich kapiert, was so toll an seinen Inszenierungen ist: die Bewegungen, welche seine Stücke durchstrukturieren, die Musik und diese endlose Wiederholung von Klamauk, nur eben auf eine Schönheit getrimmt, von der ich nicht genug bekommen konnte, und nach der ich mich drum noch immer ein wenig sehne.

Und jetzt also kann ich endlich doch noch Kasimir und Karoline schauen. Regie nun aber: Leonie Böhm.

Das Bühnenbild eine Mischung aus übergrossem Vogue-Cover und Abendmahl, dazu das obligatorische M-Budget Product-Placement, ein Zwiebelsack, damit man auch immer gleich weiss: Hipster am Werk. Und ich denk, vielleicht, wenn bei Marthaler das Spiessertum noch am Zürichberg verortet ist, ist es bei Böhm an der Langstrasse – und frag mich, ob mir da ein Spiegel vorgehalten wird, oder ich eher ein Voyeur bin.

Dann beginnt die Vorstellung, und, ohne Horvaths Vorlage gelesen zu haben, habe ich das Gefühl, das Stück und irgendwie auch mein Denken sollen von Anfang an und vor allem dekonstruiert werden; sobald etwas Form annimmt, wird diese auch schon wieder hinterfragt. Was mich zur Frage treibt, warum in dem ganzen Dekonstruktivismus dauernd noch Popkulturzitate eingestreut werden müssen (in ihrer Formvollendung), als ob die Regie das mit dem Dekonstruieren eigentlich gar nicht meint, aber nicht weiss, was sonst mit dem Text anfangen. Und ob ich vielleicht doch vorher ein paar Kritiken hätte lesen sollen, weil die verschmelzen ja dann den ganzen Dekonstruktivismus immer wieder in ein schönes und zusammenhängendes Narrativ, mit schönen, ganzen Sätzen. Und schön finde ich, dass die Geschichte, die keine mehr ist, eine Liebesgeschichte ausschliesslich zwischen Männern ist. Nur dass das mit der Liebe leider ein bisschen gar schnell vorbei ist. Und frage mich, warum männliche Körperlichkeit so bald ins Grobe oder Lächerliche kippen muss. Und ob sich die, welche im Theater bei Furzgeräuschen immer laut lachen, auch so schämen, wie ich mich oft für mein Nichtlachen – und muss an Pulp Fiction denken, als ich bei der Premiere vor auch ungefähr zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren als einziger losgrölen musste, als wegen einer Bodenwelle dummerweise einer erschossen wird. Und dass bei Tarantino das Dekonstruieren am Ende doch immer in einer neuen Geschichte endet. Und dass bei dieser Inszenierung irgendwie immer alles gleich wieder endet, aber kaum was beginnt. Und dass ich die Musik mochte, und dass Nacktheit im Theater schon lang nicht mehr so viel Sinn gemacht hat, wie in dieser Aufführung. Und dass im Nachklang ich doch mehr Zärtlichkeit sehe, aber noch immer kein Stück. Und dass ich jetzt den Horvath lesen gehe.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.