Wir könnten die Bewegung «Theater fürs Klima» gründen

Nico: Liebe Julia, lieber Stefan. Wie hat es euch beide ans Schauspielhaus Zürich verschlagen?

Julia: Ich gehe eigentlich noch zur Schule. Zu Greta bin ich über ein Spiellabor der ZHDK gekommen, an dem ich teilgenommen habe und dann weiterempfohlen wurde. Suna, die Regisseurin, hat mich zu einem Gespräch eingeladen. Ich war ein bisschen nervös, aber die Chemie hat gut gestimmt, ich habe persönlich auch sehr viele Anknüpfungspunkte zum Thema des Stücks. Seit Dezember bin ich an den Demos und Streiks mit dabei. Vor wenigen Wochen habe ich eine Demo in Pfäffikon, wo ich wohne, mitorganisiert. Es kamen 120 Leute. Das klingt jetzt nicht viel im Vergleich mit 10'000 in Zürich, aber wir waren die grösste Demo, die diese Ortschaft je gesehen hat.

Stefan: Bei mir gab es auch ein Gespräch, bevor ich hierhergekommen bin. Eigentlich war ich gar nicht auf Jobsuche. Ich habe 41 Jahre lang in Hamburg gelebt, habe Familie… Vor zwei Jahren war ich als Tourleiter mit einer Produktion von Kampnagel Hamburg am Theaterspektakel. Das Wetter war perfekt, Zürich von seiner besten Seite. In der Mittagspause haben wir uns alle ausgezogen und sind ins Wasser gesprungen. Da hab ich gedacht: Wow, Zürich. Das könnte was sein! Als es dann ein konkretes Stellenangebot von der neuen Schauspielhaus-Intendanz gab, stand meine Entscheidung schnell fest.

Nico: Warst du auch schon mal bei einer Klimademo, Stefan?

Stefan: Ehrlich gesagt: Nein. Das Thema beschäftigt mich zwar schon ewig lange, aus persönlichem und auch beruflichem Interesse. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass ich ganz viele Sachen, ich würde nicht sagen falsch gemacht, aber ausser Acht gelassen habe. Was ich in meinem Leben schon geflogen bin... Beruflich und privat. Weltreise… das war alles super toll und ich will diese Erfahrung auch gar nicht missen. Aber eigentlich müsste ich mich dafür schämen. Ich bin ja auch Vater. Ich weiss nicht, ob man dem Thema früher einfach zu wenig Bedeutung beigemessen hat oder ob es schlicht eine gewisse Ohnmacht war. Ich meine dieses Gefühl, dass man zu sich selber sagt: Ist ja schön, wenn ich meine Lebensweise ändere. Aber China mit seiner Milliarde Einwohner*innen kümmert dies gerade wenig. Und einige scheinen selbst jetzt noch überhaupt nichts begriffen zu haben. Ich bin Radfahrer und sehe in Zürich so viele Auspuffrohre, SUVs, grosse Motoren… das passt doch überhaupt nicht mehr in unsere Zeit!

Julia: Ja und gerade in der Stadt wäre es doch so einfach, gar keine Autos zu haben. Mit dem öffentlichen Verkehr würde das super funktionieren. Wir hatten in Zürich Wahlen vor dem Sommer und jetzt die Nationalratswahlen. Die rechte SVP hat verloren und die Grünen/Grünliberalen wurden ziemlich nach oben gehievt. Selbst die Wirtschaftsparteien haben jetzt Angst und wollen plötzlich grün werden. Gleichzeitig ist die Zahl der Flüge ab Zürich aber weiter gestiegen in diesem Sommer… Man muss den Leuten aufzeigen, dass sich mit dem Klimawandel alles krass verändern wird. Wir können eigentlich nur beeinflussen, wie es sich verändert. Ob es auf ein OK rausläuft oder in die Katastrophe.

Nico: Wie geht ein Theaterbetrieb mit Themen der Nachhaltigkeit um? Reichen symbolische Aktionen oder braucht es handfeste Veränderungen?

Stefan: In meinem alten Job, wo wir viele Gastspiele hatten, wurde viel geflogen. Die Leute kommen an, bleiben ein paar Tage und fliegen wieder weg. Aber auch in einem Repertoire-Betrieb, gerade wenn man mit Gästen zu tun hat, kommen die Beteiligten teilweise für jede einzelne Vorstellung hergeflogen. Bühnenbilder werden gebaut und danach gleich wieder verschrottet. Das widerspricht eigentlich komplett dem, woran ich glaube. Gleichzeitig betreiben sehr viele Firmen, aber auch Kulturinstitutionen, zurzeit gerade intensives Greenwashing. Im Schauspielhaus haben wir uns natürlich auch Gedanken gemacht, wie man den Betrieb nachhaltiger gestalten kann. Soll man beispielsweise kleiner oder weniger produzieren? Soll man nicht mehr auf Tour gehen? Ist das Zeigen des gleichen Stücks an verschiedenen Orten aber nicht auch irgendwie nachhaltig? Im Falle von Zürich hat man jetzt einen Grossteil der Regisseur*innen und des Ensembles fest am Haus. Das heisst, diese Kolleg*innen müssen erstmal nicht mehr viel reisen. Das ist ein guter Anfang. Aber um den Laden wirklich sauberer zu kriegen, braucht es ganz andere Massnahmen.

Julia: Wie wäre es, wenn ein Stück gleich ein paar Tage oder Wochen hintereinander an einem Ort bleibt, statt mal ein Tag im November, ein Tag im Dezember, ein Tag im Januar?

Stefan: Natürlich würde es Synergien schaffen, wenn man ein Stück länger zeigt. Aber man traut sich nicht, dies so zu programmieren. Vielleicht, weil man denkt, dass es nicht in unsere schnelllebige Zeit passt. Das ist eigentlich verkehrt, da geb’ ich dir total recht. Allerdings muss man sich ein Stück weit von diesen Gedanken auch immer wieder befreien können. Unsere primäre Aufgabe bleibt es, Theater zu machen.

Julia: Ja. Beim Theater kannst du die Menschen emotional berühren. Weg von den blossen Fakten, die man dann sowieso ausblendet. Weil sie Angst machen oder weil man schlicht keine Lust hat, sich damit zu beschäftigen. Richtig gutes Theater muss es schaffen, die Leute aus ihrer Starre zu wecken.

Nico: Muss denn solches Theater auch ein Stück weit moralisch sein, um die Wichtigkeit des Themas stark genug vermitteln zu können?

Julia: Unser Stück soll zum Denken anregen. Wohin das Denken dann führt, können wir nicht kontrollieren und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Die Leute müssen miteinander ins Gespräch kommen. Wenn man ihnen einfach Moralkeulen vorwirft, bringt das gar nichts. Wir sind alle nicht moralisch einwandfrei und das geht auch gar nicht. Klar ist jede*r einzelne in der Verantwortung, aber noch wichtiger ist die Politik. Diese zwingt die Menschen zum Handeln. Und oft zeigt sich, dass viele der Massnahmen gar nicht so einschneidend sind, wie man zu Beginn denkt. Es ist eine Frage des Wollens.

Stefan: Meine Generation ist leider schon viel zu gemütlich. Wir sitzen hier rum und machen unseren Job. Nach einem langen Tag ist man müde, schaut vielleicht noch etwas Theater oder geht nach Hause und schaut Fernsehen oder liest ein Buch. Dann ist der Tag durch und nichts ist passiert.

Julia: Ich kenne zwei Varianten, wie Menschen auf dieses Thema reagieren: Die einen verdrängen es komplett, die anderen gehen dafür umso heftiger rein. Wie Greta zum Beispiel. Sie sagt, sie kann die Fakten einfach nicht ignorieren. Sie muss etwas machen, weil es ihr sonst Scheisse geht. Diese Art von Menschen stellt sich immer wieder die Frage: Reicht das, was ich mache? Was kann man noch mehr tun um die Welt retten? Und ja, es stimmt. Man kann immer noch mehr machen. Gleichzeitig muss man das Leben auch irgendwie geniessen. Denn wenn wir nur noch deprimiert sind, dann muss die Menschheit auch nicht mehr gerettet werden. Andererseits geht es nicht nur um die Menschheit, sondern auch um alle Tiere und Pflanzen. Das macht das Problem leider auch nicht kleiner.

Die grosse Frage ist jetzt: Wird es irgendwann Menschen geben, die einen gewaltsamen Umsturz provozieren, um die Forderungen durchzusetzen? Ich persönlich bin der Meinung, dass es nicht wert ist, dafür die Schweizer Demokratie aufs Spiel zu setzen. Die Demokratie ist etwas vom Wichtigsten, was wir haben. Aber die Frage ist schon: wie kann man den Kapitalismus abschwächen und dabei die ganze Welt mitziehen? Und zwar jetzt. 2030 ist diese wichtige Marke: wenn man bis dahin die Wende nicht schafft, erwärmt sich die Erde von selbst und dann war’s das.

Stefan: Euer Engagement müsste in meiner Generation viel stärker unterstützt werden.

Julia: Eigentlich wäre es doch ganz leicht, sich der Bewegung anzuschliessen. Gerade bei den Samstags-Demos, wo die meisten frei haben. Diese Art von Unterstützung wäre sehr hilfreich. Man darf nicht vergessen, dass viele junge Menschen noch gar nicht wählen und abstimmen können.

Stefan: Wenn ich jetzt mal mit dir mitkommen würde: Gibt es etwas besonders zu beachten? Sollen Erwachsene eher hinten sein und die Jugend vorne?

Julia: Es ist überhaupt nicht so, dass nur die Jungen vorne sein sollen. Die Durchmischung ist das Ziel. Die Bewegung soll auch keine Anführer*innen haben und es gibt Regelungen wie oft jemand öffentlich sprechen darf. Was die Erwachsenen wirklich tun können, ist, ihre Bekannten zu mobilisieren. Ihnen allen zu verstehen geben, ja ich gehe dort hin und ok, ihr findet das vielleicht ein bisschen komisch…

Stefan: Ich glaube: Die meisten Leute finden es überhaupt nicht komisch, dass ihr für das Klima auf die Strasse geht. Die Bevölkerung ist mehrheitlich auf eurer Seite, viele Erwachsene sind selber aber einfach zu träge.

Julia: Nicht alle. Es gibt jetzt zum Beispiel die Bewegung «Grosseltern fürs Klima». Und diese Gruppe vernetzt sich dann auch wieder neu und startet ihre eigenen Aktionen. Solche Sachen sind toll. Und sind eigentlich das Ziel. Wir könnten auch die Bewegung «Theater fürs Klima» gründen.

Stefan: «Theater fürs Klima». Find ich gut!