Unterwerfung und die Kunst der Prinzipienlosigkeit

Ein Erfahrungsbericht über die Zürich-Premiere von Unterwerfung

Fünf Minuten vor Beginn: Eine erwartungsvolle Stille scheint sich wie ein Schleier über das Publikum auszubreiten, die Spannung ist förmlich mit den Händen greifbar, bis sich durchbrochen vom Licht der Scheinwerfer, das Bühnenbild offenbart. Gespannt lehne ich mich in meinen Stuhl nach vorne, in Erwartung des grossen Skandals, den mir der Titel und Inhalt des Stückes verspricht. Meine Füsse baumeln vorne, dem Abgrund zu, nur um dann gleich wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt zu werden.

Wo sich mein geistiges Auge maskierte, fanatische Gotteskrieger und schreiende, koranschwingende Bärtige vorstellte, erblickt mein tatsächliches das Innere eines beleuchteten Wohnzimmers, welches sich wild angeordnet auf der Bühne ausbreitet, dahinter aber ein grosses Chaos und Unordnung verbirgt. Wie sinnbildlich dies doch für den weiteren Verlauf des Stückes ist, wo die langsam voranschreitende Islamisierung Frankreichs stetig und langsam im Hintergrund waltet, ersichtbar durch Gesprächsfetzen und Aufeinandertreffen der Figuren, welche nach aussen hin jedoch um jeden Preis den Schein der Normalität wahren wollen. Die Atmosphäre der Bedrohung, auf welche ich mich eingestellt habe, bleibt merkwürdigerweise aus. Nichtsdestotrotz entfesselt Unterwerfung ein wahres Feuerwerk an Gefühlen und Gedanken, in das man als Zuschauer förmlich hineingesogen wird. Ich muss mehrere Male herzhaft lachen, etwa wenn der ehemalige überzeugte Anhänger der identitären Bewegung und jetzt Konvertit von seiner zweiten Ehefrau und seiner Lehrtätigkeit als Literaturprofessor an der islamischen Universität Sorbonne erzählt oder wenn die nun wegen sexistischen Gründen, aber dafür mit einer dicken Pension entlassene Professorin über die Vorzüge des neuen Regimes schwärmt, welches immerhin die Vision eines vereinten Europas teilt. In einem wahren Crescendo führt mich das Stück von einem skurrilen Höhepunkt zum nächsten, ich werde unmittelbarer Zeuge der je nachdem langsameren oder auch schnelleren voranschreitenden Korrumpierung der Figuren, allen voran des desillusionierten und überforderten Protagonisten, dem Literaturprofessor François und den einschneidenden sowie markanten Veränderungen in seinem Leben.

Unterwerfung nimmt kein Blatt vor den Mund und das ist auch gut so. Das Stück scheut sich nicht auf humorvolle und provokante Art und Weise über spalterische Fragen der Gesellschaft zynisch zu diskutieren. Satire eben. Doch es wäre keine Satire, würde der Humor nicht auch der Reflexion dienen. Als Juden empfohlen wird das Land zu verlassen oder der Humanismus als Arroganz der Menschheit bezeichnet wird, sowie die Schulplicht der Kinder auf zwölf Jahre reduziert wird, bleibt mir das Lachen im Hals stecken und die Gespräche über Religion und deren Platz lassen mich nachdenklich zurück. Kein überfanatischer Moslembruder wird mir hier präsentiert, sondern jemand mit dem man räsonieren kann, dessen Argumente verfänglich sind und die anderen in seinen Bann ziehen. Die Atmosphäre an sich mag nicht bedrohlich sein, doch die Ignoranz, ausgelöst durch den Egoismus und Fatalismus der Figuren versprüht unterschwellig stets ein gewisses Gefühl des Unwohlseins. Schlussendlich sind Sie alle Heuchler, unfähig oder unwillig über Ihre eigenen Bedürfnisse hinweg zu sehen.

Auf dem Heimweg drängt sich mir immer mehr die Frage auf. Unterwerfung? Aber vor was eigentlich genau? Unterwerfung vor ein Regime oder seine eigene Gier? Unterwerfung vor den Launen des Schicksals? Und vor allem: Wie schnell und für welche Zwecke wäre ich zur Unterwerfung bereit?