Andere Räume, andere Strukturen, andere Konnotationen

Für den zweiten Teil der dreiteiligen Reihe Composition holen Wu Tsang und Moved by the Motion Tapiwa Svosve in den Kontext «Schauspielhaus» – ein Novum für den Saxofonisten. Im Vorfeld von Composition II am 5. März 2020 im Moods hat sich Remo Bitzi mit Svosve unterhalten: über Szene/n, Kollaborationen, den vierten Saxofon-Frühling und die Zukunft.

Remo Bitzi: Du bist Teil des Gamut Kollektivs, das unter anderem das gleichnamige Festival organisiert, du trittst mit Künstler*innen wie Vincent Glanzmann, Tina Reden, Julian Chalabi, ergod und Richard Scott auf und du hast Musik auf Labels wie Kashev Tapes und Raw Tonk Records veröffentlicht. Zudem trifft man dich – als Künstler, aber auch als Besucher – an Orten wie dem Konzertlokal Bogen F, im Jazzclub Moods, beim Les Digitales Festival, im Mehrspur der ZHdK, in Offspaces wie dem Hyperlokal oder dem m3 und bald im Kontext «Schauspielhaus» an. Weil du in so vielen Kontexten auftauchst: Wie beziehungsweise in welcher/welchen Szene/n würdest du dich verorten?

Tapiwa Svosve: Einerseits gibt es gerade in Zürich viele Überlappungen. Ich denke, dem ist so, weil es vermehrt auch Künstler*innen-Kollektive und Initiativen gibt, die sich für eine Durchmischung der Szenen engagieren und inhaltlich sehr breit programmieren. Das finde ich super. Andererseits bin ich wohl einfach grundsätzlich an vielem interessiert – ob es sich um eine Performance, ein Theater, ein Jazzkonzert oder eine Clubnight handelt, spielt für mich keine grosse Rolle. Der Nachtclub hat eine andere Geschichte, andere Sounds und social codes als der Jazzclub, als die Oper, als das DIY-Konzert… Wie machen wir Musik, und weshalb, oder wozu? Was für unterschiedliche soziale Räume entstehen dabei? Das alles interessiert mich. Und ich glaube, dass es sehr frustrierend sein kann, wenn man sich ausschliesslich in einer Szene bewegt – vor allem wenn in dieser Szene gerade nicht viel läuft, nicht viel passiert, sich nicht viel verändert. Dann bleibt man in seiner eigenen Bubble, die Dinge wiederholen sich, man ist täglich dem Gleichen ausgesetzt. Das wäre ja auch etwas langweilig. Davon abgesehen hat das Internet bestimmt auch extrem viel zur Vielfalt meiner eigenen Hörgewohnheiten beigetragen.

Remo Bitzi: So wie du erzählst, könnte man meinen, dass sich für dich die Zusammenarbeit mit Moved by the Motion und der Kontext «Schauspielhaus» gar nicht so aussergewöhnlich anfühlt. Ist dem so?

Tapiwa Svosve: Der Kontext «Schauspielhaus» ist schon ganz neu für mich, weil ich noch nie am Haus gearbeitet habe. Aber es ist nicht so, dass ich nun deswegen komplett anders arbeiten würde. Für mich sind es eben einfach andere Räume, andere Strukturen, andere Konnotationen, in denen ich mich bewege. Und das hat natürlich einen Effekt auf das Resultat.

Remo Bitzi: Inwiefern unterscheidet sich diese Zusammenarbeit von einer Zusammenarbeit beispielsweise mit anderen Musiker*innen? Ist deine Herangehensweise eine andere?

Tapiwa Svosve: Im ersten Moment funktioniere ich immer sehr intuitiv und ohne fixe Pläne. Ich will nicht, dass im Vorhinein etwas durch meine Vorstellungen verunmöglicht wird. Jede Zusammenarbeit ist anders und verlangt von einem auch immer wieder etwas sehr Spezifisches… Was alle, die bei diesem Projekt involviert sind, teilen, ist eine grundsätzliche Offenheit und Spontaneität und ein Verständnis von Musik als ein im sozialen Kontext stattfindendes «Etwas» mit Hunderttausenden von Verästelungen. Als wir uns noch am Kennenlernen waren, ging es den beiden vor allem darum, herauszufinden, wie ich arbeite und in welchen Situationen ich mich wohl fühle und in welchen eben nicht. Ich glaube, aus diesen Gesprächen heraus hat sich dann gezeigt, dass wir on the same page sind – also ähnliche Tempi haben und die Dinge ähnlich fühlen. Ich glaube, nach den ersten Improvisationen, die ich mit boychild und später auch mit Patrick [Belaga] machte, waren wir dann alle irgendwie intrigued. Und das fühlt sich auch immer noch ein bisschen wie früher als Teenie im Proberaum des Quartierzentrums an: Wenn sich die spontane Impro- oder Jam-Session gut anfühlt, kommt’s auch gut. Ich denke, dem ist so, weil eine spontane Improvisation schon unglaublich viel über die einzelnen Verhältnisse zueinander aussagen kann. Auch lässt sich feststellen, wie viel Risiko man bereit ist einzugehen.

Remo Bitzi: Wie kam der Kontakt ursprünglich zustande? Hast du Wus Arbeit gekannt und aktiv den Austausch gesucht? Oder sind Wu und Tosh auf dich zugekommen?

Tapiwa Svosve: Soweit ich weiss, suchte Wu nach einem Saxofonisten und fragte das Moods, die sie an mich weitergeleitet haben. Das Moods wusste, dass mich Wus Arbeit und Performance im Allgemeinen interessieren würde. Ich denke, so war das – eine sehr pragmatische Sache [lacht].

Remo Bitzi: In jüngerer Vergangenheit sind in dem Feld, das wir mit zweikommasieben behandeln, verschiedene Saxofonist*innen aufgetaucht. Ich denke an Lea Bertucci, Bendik Giske – mit dem Wu früher zusammengearbeitet hatte –, oder Colin Stetson. Verfolgst du die Arbeiten dieser Künstler*innen? Und teilst du den Eindruck, dass das Saxofon, das bis vor nicht allzu langer Zeit in diesem Feld als tainted galt, einen zweiten (oder dritten oder vierten) Frühling erfährt?

Tapiwa Svosve: Ja, ich verfolge die Arbeit der Künstler*innen, die du erwähnt hast, auf jeden Fall. Ich verfolge auch die Arbeit anderer Saxofonist*innen, die für mich in gewisser Weise noch radikaler sind. Ich denke etwa an Seymour Wright. Wie du sagst: Scheinbar erleben wir einen dritten oder vierten Saxofon-Frühling.

Remo Bitzi: Hast du eine Ahnung, warum das Saxofon früher auf Abneigung stiess?

Tapiwa Svosve: Ich glaube, die generelle Ablehnung von Saxofonen in früheren Jahren kam davon, dass man das Instrument sofort mit Porno oder glänzig-schmierigem Achtziger-Sound in Verbindung brachte. Diese Assoziationen haben sich in jüngerer Vergangenheit wieder etwas erweitert und gelockert. Es ist lustig, früher hörte ich ab und zu: «Ich hasse eigentlich das Saxofon, aber du bist ganz ok.»

Remo Bitzi: Wie bist du denn zum Saxofon gekommen? Deine Kindheit und Jugend fällt in die Neunziger- und Nullerjahre. Damals hat der «glänzig-schmierige Achtziger-Sound», soweit ich mich erinnern kann, ja noch nachgewirkt…

Tapiwa Svosve: [Lacht] Ja, du hast recht, eigentlich schon. So genau kann ich auch gar nicht sagen, weshalb ich mich als Neunjähriger für das Saxofon entschied. Ich glaube, es waren verschiedene Dinge. Ein Erlebnis, das mich diesbezüglich wohl prägte, war ein Konzert des Where’s Africa Trios in der Originalbesetzung mit Omri Ziegele, Irène Schweizer und Makaya Ntshoko [!], das ich besuchte. Das hat mich unglaublich geflasht. Im Anschluss an das Konzert fragte ich meine Mutter, weshalb keine anderen Kinder dort waren. [Lacht]

Remo Bitzi: Wie geht es denn bei dir weiter? Wird die Zusammenarbeit mit Wu fortgesetzt? Stehen andere Collabos an? Was passiert bei Gamut?

Tapiwa Svosve: Eventuell geht die Zusammenarbeit mit Wu weiter, ja. Ansonsten sind wir gerade dran, mit Gamut das nächste Festival im Bogen F zu planen. Mit dem Kollektiv steht auch davon abgesehen vieles an: eine neue Konzertreihe mit Residenzen in Zürich, die wir im April vergeben, sowie zwei Releases von anderen Künstler*innen, die langsam ihre endgültigen Formen finden, auf dem von uns lancierten, noch jungen Label Edition Gamut. Im Herbst erscheint zudem mein allererstes Solo-Saxofon-Release – ein Tape auf tsss tapes. Auch arbeite ich mit meinem elektronischen Projekt Cullllt an einem Soloalbum. Weiter mischen wir gerade das zweite Album unserer Band District Five; auch das soll im Herbst erscheinen. Mit Tina Reden zusammen plane ich eine neue Reihe – mit ihr möchte ich unbedingt researchen und auch noch weitere Projekte umsetzen... Seit einer Weile arbeite ich auch mit Ramon Landolt zusammen; ich hoffe wir schaffen es, dieses Jahr eine EP fertigzustellen. Und jetzt gerade stehen Shows mit Evelinn Trouble, District Five und dem Trio Uassyn an, mit dem wir auch gerade ein Album fertiggemischt haben.