Gehversuche: Fragen & Antworten

Wohin gehst du gern?

Marie-Anne Lerjen: «Wohin» ist mir etwas suspekt. Ich finde, die Frage «Wohin» suggeriert, dass man an ein Ziel will und auch Erwartungen hat, was dort sein soll. Leute reisen um die ganze Welt dafür. Ich finde das «Wie» wichtiger. Die Aufmerksamkeit einem Ort gegenüber, jedem Ort. Darum habe ich heute auch den Zufall entscheiden lassen, wo wir spazieren. Es gibt im Nahen noch viel zu entdecken. Auch vor der eigenen Haustür.

Christian: Generell gehe ich gern an neue Orte und Plätze, die ich noch nicht kenne. In Länder, in welchen ich noch nicht war. In Zürich gehe ich gern zum See. Ich hab da meinen Lieblingsplatz, wo ich oft hingehe…Im letzten Monat war ich wohl 20 mal dort. Es ist schon so, dass wenn ich eine schöne Location gefunden habe, ich dann immer wieder dahin zurückkehre. Also doch nicht immer neu!

Der Juchhof spricht: Ich möchte eine Zukunft haben. Aber ich habe nicht viel Zutrauen darein, dass ich noch lange leben werde.

Zineb Benkhelifa: Ja, das wurde ja gerade ziemlich ersichtlich was! (lacht) Hier, die Altstadt, das ist mein Quartier. Und hier, Zähringerplatz, Predigerplatz, das ist mein Wohnzimmer. Ich hab eine kalte Wohnung. Im Sommer, wenn es draussen warm ist und die Heizung verständlicherweise nicht anstellt, ist es echt kalt. Dann komm ich mich hier an der Sonne aufwärmen. Menschen beneiden mich um meine kühle Wohnung im Sommer, aber ich mag die Wärme. Ich bin allgemein gerne in Zürich unterwegs, ich gehe gern ins Kino, ins Theater, an Jazzkonzerte. Am liebsten verbringe ich auch meine Ferien in Zürich.

Malek Ossi: Ich bin sehr gern im Kreis vier, Umgebung Langstrasse. Ich gehe auch gern in den Wald, beim Üetliberg. Dort fühle ich mich sehr wohl, dorthin kehre ich immer wieder zurück.

Gibt es ein liebstes «Wie»?

ML: Es hat viel mit Konzentration und Achtsamkeit zu tun. Ein kleiner Shift in der Aufmerksamkeit kann schon sehr viel bewirken. Es verändert die Art, wie man einem Ort begegnet. Je kleiner und simpler diese Verschiebung ist, desto besser, finde ich.

Wohin würdest du gern gehen?

C: Japan. Vietnam, Motorradreise. In Australien war ich noch nie. Island. Griechenland von Insel zu Insel. Balkan. Russland!! Transsibirische Eisenbahn. Alaska. Da kann man eine mehrtägige Zugsreise machen, durch die Wildnis, an Gletschern vorbei...

ZB: Ja, jetzt haben wir grad gesagt, Zürich ist mein liebster Ort. Aber ja, mir gefällt Lausanne sehr gut. Ist halt gar nicht barrierenfrei, eine Stadt mit sehr vielen, steilen Strassen. Nach Australien möchte ich nie, Spinnen, Schlangen... das ist nicht mein Ding! Ich mag Wien und auch Berlin, aber die Distanzen da sind anstrengend für mich. Mit Marseille bin ich auch sehr verbunden. Vor 25 Jahren habe ich dort für drei Monate einen Freiwilligeneinsatz gemacht, für eine Organisation, die sich für algerische Flüchtlinge einsetzte. Ich habe Leute kennengelernt und auch der Initiator des Karikaturenfestivals, das jährlich stattfindet und ich gerne besuche.

MO: Ich möchte irgendwann wieder nach Damaskus gehen können. Ich bin Kurde, aber ich bin in Damaskus aufgewachsen. Ich habe vom Wasser dort getrunken und das Wasser ruft mich immer noch. Aber ich kann nicht. Ich werde mich so freuen, wenn ich irgendwann wieder nach Syrien, nach Damaskus werden gehen können. Meine Eltern und meine Verwandten wiedersehen. Damaskus fehlt mir sehr. Es war eine sehr schöne Stadt.

Wohin durftest du nicht gehen?

ML: Ich benutze bei meinen Erkundungen immer wieder auch Schleichwege, probiere Zugänge aus. Das geht meistens gut, auch wenn ich mich an der Grenze von öffentlich und privat bewege. Manchmal gibt es da auch lautstarke Einwände… Aber ich glaube, wir sind unglaublich privilegiert, was Bewegungsfreiheit angeht. Ich fühle mich unglaublich privilegiert.

C: Zum Beispiel in den Nationalpark in Costa Rica. Der geschlossen war auf Grund von Corona (lacht). Da sind wir dann trotzdem rein.

ZB: Hm, schwierig. Doch. Einmal habe ich eine Wohnung gar nicht besichtigen dürfen. Der Vermieter hat meine Stöcke gesehen und noch bevor er mich reingelassen hat, meinte er: Das wird nichts. Und ich: Warum? Und er: Das ist zu laut für die Menschen in der Wohnung unterhalb. Seltsam. Meine Stöcke sind gummiert unten. Die sind leiser, als jedes Paar hohe Schuhe.

Wohin konntest du nicht gehen?

ML: Das würde ich gerne im übertragenen Sinn beantworten. Ich würde gerne in einer bedeutend nachhaltigeren Welt leben, mit viel weniger Verbrauch. Aber da «konnte ich bis jetzt noch nicht hin», unsere Welt ist noch nicht so. Aber nicht aufgeben. Wir arbeiten ja noch an der Zukunft. Die Aufmerksamkeit, die mich interessiert, kann uns auf dem Weg dorthin hoffentlich auch helfen.

C: Wenn überhaupt, dann war es aufgrund von persönlichen physischen Grenzen oder dem gesunden Menschenverstand.

Juchhof: Vielleicht eher, was durfte ich nicht sein? Ich hab nicht mitreden können darüber, wie ich benutzt werden würde. Als ich jung war, hab ich mich gefreut über meine Bewohner*innen. Als ich gemerkt hab, dass sie mich nicht mochten, war ich traurig. Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht um zu verstehen, warum sie nicht gern bei mir waren.

ZB: In Zürich? Wahrscheinlich den Turm des Grossmünsters hinauf. Dort gibt es bestimmt viele enge Treppen. In den See baden gehe ich auch nicht. Einerseits bin ich heikel, was die Wasserqualität betrifft und andererseits ist der Zugang zum Wasser für mich erschwert.

MO: (lacht) Nirgends konnte ich hingehen. Können, dürfen... egal. War jetzt ja auch schon die ganze Zeit Thema des Interviews, was? Ich bin 2015 in die Schweiz gekommen. Bis 2019 konnte ich die Schweiz gar nicht verlassen, streckenweise durfte ich nicht mal Zürich verlassen. Oder Oberembrach nicht verlassen.

Welcher Teil der Stadt nimmt dich auf? Welcher stösst dich ab?

ML: Vor Jahren hat mich das eine Freundin, die ein Fotoprojekt hatte, auch gefragt. Mir fielen die Orte schnell ein: Am Wasser der Limmat war mir wohl, an der starkbefahrenen Rosengartenstrasse gar nicht. Heute würde ich das auch eher übertragen beantworten. Mein Un-Ort in der Stadt ist der «Konsumismus». Der Ort, der mich am meisten reizt, die «Inspiration».

C: Die Orte, an denen ich mich aufhalte. Also wenn mir was gefällt, dann bin ich da. Ich mag das Quartier hier, um das Lochergut herum, wirklich gerne. Früher war hier die Autobahnauffahrt. Seit es die nicht mehr gibt, ist das Quartier unglaublich lebendig. Das Leben findet draussen statt. Das gefällt mir gut. Die Gegend zwischen Flughafen und Oerlikon gefällt mir weniger. Ist auch zu weit weg vom See. (lacht) Nein, ich hab grundsätzlich keine schlechten Erfahrungen mit irgendeinem Ort in Zürich. Höchstens ein Bier zu viel an der Langstrasse.

Juchhof: Die Stadt war zu Beginn ganz weit weg von mir. Jetzt hat sie mich umstellt. Mir gefiel es besser, als um mich herum nur Felder waren. Da hab ich mich wichtiger gefühlt, einmalig.

MO: Seefeld! (lacht) Da fühle ich mich nicht zugehörig. Ich fühle mich sehr wohl, wie gesagt, im Kreis vier, fünf, sechs oder drei. Und allgemein in der, wie soll ich sagen – «Alternativen Szene» Zürichs? – da fühle ich mich aufgenommen.

Wie hat sich dieser Ort durch Covid-19 verändert?

Juchhof: Als die Massnahmen vom Bund angekündigt wurden, war die Diskussion hier natürlich gross darüber, wie man sich denen anpassen sollte. Plötzlich wurden meine Räume zu einem riskanten Ort. Die Polizei stand vermehrt vor meinem Tor um zu kontrollieren, ob wirklich keine Veranstaltungen stattfänden. Ja... es wurde dann super schnell ruhig hier. Viele sind nach Hause gefahren... Aber neu war, dass viele Menschen, die nie zuvor hier gewesen waren, auftauchten. Zum Beispiel um ihre Wäsche zu waschen, oder um zu Duschen. Viele Menschen ohne Zuhause.


Gehversuch I: Marie-Anne Lerjen, Spazierkünstlerin, Gründerin von lerjentours - Agentur für Gehkultur.

Gehversuch II: Christian, SBB-Projektleiter und Gesprächspartner in Bezug auf’s Reisen und die Rückholaktion des Bundes #flyinghome.

Gehversuch III: Zwei besetzende Aktivist*innen, anonymisiert durch die Buchstaben X und Y, vom Juchhof

Gehversuch IV: Zineb Benkhelifa lebt mit einer Mobilitätsbehinderung aufgrund von Polio, ist Beauftragte der Stadt Zürich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und Mitarbeitende des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes (SBKV).

Gehversuch V: Malek Ossi, Student der Sozialen Arbeit in Luzern, wohnhaft in Zürich, Aktivist.