Ein Stück für Achtjährige?

von Thomas Meyer

Der Erfahrungsbericht über Schneewittchen Beauty Queen

Schneewittchen – Beauty Queen ist ein heiter geschriebenes und liebevoll inszeniertes Stück, in dem eine Menge Ironie steckt. Und das ist vielleicht auch sein Problem. Denn es öffnet seinen Vorhang bereits für achtjährige Zuschauer. Und die meisten von denen verstehen nicht, warum es witzig ist, wenn die sechs Zwerge «Lügenpresse! Lügenpresse!» skandieren, nachdem sie darauf aufmerksam gemacht worden sind, dass sie gemäss der literarischen Vorlage eigentlich zu siebt hätten erscheinen müssten. Denn sie haben noch nie von den wütenden Menschen gehört, die auf den Strassen herumbrüllen, zumal auf Deutschlands Strassen. Auch der aus dem Stück «Rotkäppchen» entliehene Jäger, der ihnen erklärt, dass er einst «ein Massaker wie in Amerika» habe anrichten wollen, wird bei ihnen – hoffentlich – keine Erinnerungsglocke zum Klingen bringen. Den Song «Die da!?!» von den Fantastischen Vier, mit dem nach der Schönsten im Land gesucht wird, kennen sie vermutlich auch nicht, im Gegensatz zu ihren Eltern, die ihn 1992 gehört haben und auch die anderen Anspielungen überhaupt einordnen können. Man fragt sich also, worin der Beitrag des Theaterpädagogen bestanden hat.

Dieser sagt dazu: «Nach den Proben vor Schulklassen mit achtjährigen Kindern haben wir festgestellt, dass diese zwar nicht jede einzelne Ebene der Inszenierung, aber sehr wohl den Kern der Geschichte verstehen.» Und: «Wir haben uns dennoch für diese lustvolle Gratwanderung entschieden, denn wir waren uns einig, dass der als diffus zu beschreibende Informationshorizont von Kindern ernst genommen werden muss und durchaus auch Fragen für die Kinder offen bleiben dürfen, wie es in ihrem Alltag eben auch vorkommt.»

Offen bleiben hier in der Tat nicht wenige Fragen. Man müsste achtjährigen Kindern ja nur schon den Begriff «Beauty Queen» erklären. Abgesehen davon zeigt «Schneewittchen – Beauty Queen», wie wunderbar das Medium Theater ist, vor allem, wenn die Vierte Wand eingesetzt wird und mit Metaebenen gearbeitet wird: Da ist der Märchenerzähler, der keine Lust hat, seinen Job zu erledigen, sondern den Kindern stattdessen die Wahrheit über die Welt verraten will, aber von einem Theater-Offiziellen zur Ordnung gerufen wird. Da sind die Schauspieler, die lieber «Rotkäppchen» aufführen möchten. Da ist der Spiegel der Königin, der in schillerndem Kostüm hinter einem echten Spiegel hervorspringt, um ihr als wortreicher Hofnarr Paroli zu bieten. Da sind die Tannen im Hintergrund, die Schneewittchen – von Menschen herumgeschoben – immer enger umzingeln, um dessen Verlorenheit im Wald zu dramatisieren, und da ist ihr Vater zu Pferd, der ihr erklärt, nur eine Einbildung zu sein, was er damit beweist, indem er von Seilen aus dem Sattel gehoben wird.

Das sind alles Elemente, die nur das Theater zu bieten hat, kein Netflix, kein YouTube und keine VR-Brille; es ist eine aufregende Erlebniswelt, in der mit geringem Aufwand erstaunliche Effekte erzielt werden. «Schneewittchen – Beauty Queen» schöpft in dieser Hinsicht aus dem Vollen, ist durch und durch hübsch anzusehen, in keiner Sekunde langweilig, musikalisch live grossartig untermalt und von sympathischen Schauspielern zum Leben erweckt. Für Achtjährige ist es nicht, egal wie man die Sache darstellt. Aber es zeigt Achtjährigen, wie magisch und heiter Theater ist. Und vor allem: wie verspielt.