Abgeholzte Leben, abgewirtschaftete Seelen

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von Der Kirschgarten

Zehn, nicht fünf Jahre wie bei Tschechow hat Ljuba (Ranewskaja) in Paris verbracht, um sich selbst und den Gedanken an den traumatischen Verlust des Sohnes zu entfliehen. Als sie zurückkehrt, ist sie kaputter denn kaputt und landet prompt in einer schweizerischen Reha-Klinik. Nach einem trügerisch euphorischen Wiedersehenstanz folgen Elektroschocks und weitere Therapien. Wobei die drastische Pathologisierung Ljubas - so das Regiekonzept - kein Einzelfall bleibt. Alle sind krank. Nicht einfach melancholisch, was einen gewissen Charme hätte, sondern depressiv, agressiv usw. Selbst Peter (Trofimow) - bei Tschechow ein Hoffnungsträger - erweist sich als schnöder Verführer und quasselnder ewiger Student. Während der ertrunkene Gregi (Grischa) als Untoter über die Bühne geistert.

It's all fucked up, könnte man sagen. Auch die gruppentherapeutische Familienaufstellung zeigt lauter Gefühlsverwirrung und bringt an den Tag, dass die Probleme schon auf der Ausdrucksebene beginnen. In welcher Sprache kommunizieren? Stockend gibt Ljuba, die Polin mit jüdischen Vorfahren, zu, dass sie blockiert sei. Polnisch spricht sie kaum noch, ihr Deutsch ist rudimentär, das Englische eine Notlösung. Keine Frage: die Wahl von Danuta Stenka als Hauptdarstellerin hat die Sprachthematik getriggert. Tschechows Kunst, Unsagbares in Schweigen oder vieldeutige Pausen zu hüllen, weicht der Analyse eines handfesten Defizits. Nur ändert das wenig an der Situation. Lösungsorientiertheit versagt, die inneren Dämonen sind stärker. Klassisch Tschechow: Babs liebt Heinz, lässt es ihn mit Mimik und Gesten spüren, doch im entscheidenden Augenblick zieht sich dieser zurück. Wer immer sich verfehlen kann, verfehlt sich. Und Ljubas als Liebe getarnte Fürsorge für ihren kranken Pariser Liebhaber, der ihr wie ein Stein am Hals hängt, ist vor allem eines: emotionale Verblendung, die Opfer fordert. Anjas wütender Protest - für mich einer der stärksten Momente des Abends - offenbart die Einsamkeit der zurückgelassenen Tochter.

Überhaupt schlägt am Schluss die Stunde der Wahrheit: der Kirschgarten, Hort wehmütiger Erinnerungen, ist verkauft, ein Zurück gibt es nicht mehr, und die Zukunft ist ungewiss. In einer Szene entwaffnender Offenheit bekennt Ljuba auf Polnisch: «Mein Leben ist vorübergegangen, als hätte ich gar nicht gelebt.» Es sind dies die Worte, die Tschechow dem greisen Diener Firs in den Mund legt, dessen Leben einen Epochenumbruch umfasst: von der Leibeigenschaft bis zum Verarmen der Aristokratie und dem Aufstieg einer neuen Klasse.

Yana Ross' Inszenierung fokussiert auf Psychologie, und das tut sie konsequent. Doch ein grösserer Rahmen fehlt. Als sei «no future» sozusagen vorprogrammiert. Es fehlt das Movens der Sehnsucht, es fehlt auch jene Leichtigkeit, die bei Tschechow nicht nur die Grazie der verschwenderischen Ljubow Ranewskaja ausmacht, sondern das ganze Stück grundiert, das nicht zufällig «Komödie» heisst. Geht es nach Ross, leben wir in denkbar faden Zeiten. Und bessere Aussichten scheint es nicht zu geben. Schade eigentlich, würde Tschechow mit einem Augenzwinkern bedeuten.