Das Auflösen von binären Strukturen

Mona Gamie, Jo DyKing und La Mer sind regelmässig in der Zürcher Drag-Szene anzutreffen. Gemeinsam haben sie sich die Zürich-Premiere von Juliet & Romeo in der Schiffbau-Box angeschaut und sich danach noch zu einem Schwatz in der Garderobe verabredet.

Mona Gamie: Ich habe nicht erwartet, dass die universelle Liebesgeschichte mit so wenig Text auskommt. Schliesslich ist Shakespeare ja der König des Wortspiels schlechthin. Text ist eigentlich mehr meine Welt als Tanz. Tanz verstehe ich einfach nicht.

Jo DyKing: «Verstehen» klingt so, als müsste man das Stück wie ein Kreuzworträtsel lösen…

La Mer: Was ich persönlich aus diesem Stück mitnehme, ist das Verschwinden von klaren Zuordnungen. In Romeo & Julia sind die Rollen klassischerweise klar definiert: Romeo gehört zu dieser Familie, Julia zur anderen. Romeo ist ein Mann, Julia eine Frau. Hier verschwimmen diese Positionen.

Jo DyKing: Ja. Und wenn gewisse Momente in der Geschichte, gerade die sehr emotionalen, nicht von einer einzelnen, sondern von vielen Personen gleichzeitig dargestellt werden, kann man auch die feinen Unterschiede in den Ausdrucksformen erkennen.

Mona Gamie: Das Auflösen von binären Strukturen darzustellen, ist sehr interessant. Doch dazu braucht es zunächst ein Spannungsfeld, einen Konflikt, um vom Binären zur Auflösung zu kommen. Das habe ich vermisst.

La Mer: Stimmt, sie hätten sich zumindest mal küssen können!

Mona Gamie: Ja, wo war der Sex?

Gelächter

La Mer: Ich fand sie ja alle heiss. Aber ich habe sie zu jedem Zeitpunkt als Männer gelesen. Im klassischen Drag spielt man ja ein bisschen mit dieser Linie: Ab wann liest man jemanden als Mann oder als Frau? Sehe ich jetzt noch das Geschlecht, mit der sich diese Person identifiziert, oder muss man ein Stück weit das eigene Gehirn austricksen. In diesem Stück musste ich meist selber entscheiden, ob das hier jetzt gerade Romeo oder Julia ist, die stirbt oder der leidet. Und eine Erkenntnis aus diesem Abend ist für mich, dass es für beide Geschlechter das gleiche Leiden, die gleiche Trauer und das gleiche Sterben ist. Julias Tod ist kein anderer, weil sie eine Frau ist und umgekehrt.

Jo DyKing: Aber weshalb die Entscheidung, das Stück nur mit Männern zu machen? Ich finde es ja ganz grundsätzlich irritierend, im Jahr 2019 eine reine Männergruppe auf einer Bühne oder sonstwo zu sehen. Das kann natürlich eine ganz bewusste Entscheidung sein. Aber weshalb denn nicht das Umgekehrte: Nur Frauen? Oder noch besser: eine sehr diverse, richtig queere Gruppe von Menschen, die sonst selten eine Bühne bekommen?

Mona Gamie: Gerade im Jahr des Frauen*streiks!

La Mer: Die historische Entstehung von Drag hängt ja auch mit der Theatertradition zusammen, wo ursprünglich nur Männer auf der Bühne waren und sämtliche, auch die weiblichen Rollen, gespielt haben, gerade auch zu Shakespeares Zeiten.

Jo DyKing: Auch auf Partys gibt es ja oft eine Bühne voller Dragqueens, aber letztlich sind das ja wieder nur Männer. Repräsentieren diese jetzt eine gewisse Art von Weiblichkeit, oder sind es nicht einfach schlicht Männer, die wie immer die Gage einstreichen?

La Mer: Ich habe mich natürlich auch gefragt, ob die Tänzer im Stück selber aus queeren Szenen kommen, oder ob es eher eine Aneignung von queerer Kultur ist.

Jo DyKing: Und wieviel weiss der Choreograf über diese Szene? Ist das Aneignung, oder sind es Referenzen eines Insiders? Vielleicht ist Ballroom in der Schweiz aber ganz generell ein Stück weit eine Aneignung. Das Brooklyn der 80er Jahre ist mit unseren Verhältnissen überhaupt nicht vergleichbar.

Mona Gamie: Wo habt ihr im Stück denn überhaupt Ballroom-Referenzen gesehen?

La Mer: Am ehesten bei den Fashion-Walks.

Mona Gamie: Aber hatte das wirklich etwas mit Ballroom zu tun, oder war es nicht einfach ein Fashion-Walk?

La Mer: Die Ballroom-Szene hat sich ja eigentlich Runways angeeignet. Und dieses Stück eignet sich Ballroom-Referenzen an, die sich Runways aneignen. Also quasi doppelt.

Jo DyKing: Interessant fand ich übrigens die Länge der Röcke oder Jupes, die viele der Tänzer trugen. Wenn von Frauen getragen, werden diese nicht unbedingt als attraktiv gelesen. Sie gelten als zu wenig glamourös oder nicht sexy genug.

Mona Gamie: Für Ballroom war mir das Stück zu wenig «in your face». Ballroom ist doch viel mehr: Can you convince me? Realness!

Jo DyKing: Für mich gab es schon klare Referenzen: Der Battle zum Beispiel, die ganze Competition. Aber ja, die klassischen «Categories» lösen sich generell immer mehr auf. Das ursprüngliche Ballroom kennt man aus den 80ern und durch Filme wie Paris is Burning. Und dann kam Madonna und die Kommerzialisierung. Aber das ist eine andere Geschichte…

Mona Gamie: Madonna, die Büchse der Pandora…

La Mer: Lassen wir sie besser zu.

Mona Gamie: Ja. Nur so viel: Madonna hat der Community keinen Geldsegen beschert, sondern nur sich selber. Sie hat einfach ein paar Tänzer aus der Szene geholt. Die Community in Brooklyn selbst blieb unsichtbar – und arm.

Jo DyKing: Und heute macht jemand wie Ru Paul mit seinem Drag Race die Szene einerseits sichtbar und ein Stück weit auch zum Mainstream. Aber jeder, der es selber macht, interpretiert es für sich neu und entwickelt es somit weiter.

La Mer: Und das gleiche gilt für Romeo & Julia: Man kennt diesen Stoff schon lange und erhofft sich etwas Neues. Etwas, das einen überrascht.

Mona Gamie: Wir sind halt alles Drags, und wir leben davon, dass wir etwas auf die Spitze treiben. Und das fehlt mir dann an so einem Abend. Nichts war klischiert, mir haben die Klischees gefehlt, ich liebe Klischees!

La Mer: Wobei, an einem klassischen Voguing-Abend hätten wir wohl genauso rumgemäkelt.

Gelächter.

La Mer: Ich hatte ein persönliches Highlight am Ende des Stücks…

Mona Gamie: Ja, und das war bei mir natürlich wieder an der Stelle, wo es Text gab: «Love me. Take me...»

La Mer / Mona Gamie: «… Fuck me. Olive oil me!»

Jo DyKing: Ich habe diese Szene sehr tragisch gelesen. Sie spricht von der traditionellen Vorstellung von Liebe und den Erwartungen, die man an eine solche Idee hat.

Mona Gamie: Selbstauflösung in der Paarbeziehung. Man gibt sich selber auf, um gemeinsam sein zu können.

La Mer: Da sind wir dann wieder beim klassischen Romeo & Julia.