Ich hasse Musicals.
Aber das hier I like.

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von Der Streik

Will Regisseur Nicolas Stemann die Filterblase zum Platzen bringen? Dieser Mann nimmt die Bibel des kleinen Mannes, Atlas Shrugged, geschrieben von einer kleinen Frau (1.57 Meter) und nach der Bibel der gläubigen Männer, «Die Bibel», das meistgelesene Buch der USA. Er musicalisiert den klischeebeladenen und pseudophilosophischen Wälzer in einen klischeebeladenen und pseudophilosophischen Theaterabend. Der Streik. Für wen? Das gut betuchte Zürcher Publikum, kapitalistisch angezogen und Mitglied in der SP. Die grossen Männer mit der grossen Brieftasche. Stimmt das? Keine Ahnung. Binswanger ist da. Von Peter ist da. Muschg ist da. Sie haben den Kapitalismus bis jetzt leider auch nicht überwinden können.

Stemann überzeichnet. Stemann unterzeichnet. Es ist Satire und es ist Groteske. Es ist Unterhaltung und es ist (Pseudo-)Philosophie. Ayn Rand wird manchmal für bare Münze (hihi) genommen und doch wird vielfach nachgefragt. Hätte sie sechzig Jahre später, nach all den Klimasäuen und Steuersünderinnen, denselben Roman geschrieben? Wahrscheinlich schon, sie hatte eine Vision. Von der Bühne: «Wir kennen nur Tele-Vision.» Dank meistens zündendem Witz und Flow hat Stemann meine Aufmerksamkeit. Ich hasse Musicals. Aber das hier I like. Die Nummern sind mehr Monty Python, mehr Marx Brothers und weniger … na ja, Musical.

Mein Gehirn und mein Gewissen machen von 18 bis 21 Uhr Salti Mortali am laufenden Band. Statt hochentwickelte Philosophie an den kleinen Mann zu bringen, bringt Stemann philosophisches Vulgärgewäsch der kleinen Männer und Frauen, das ein Fünftklässler widerlegen könnte, zu den grossen Menschen. Und was passiert? Mir als grossem Mann (na ja, 1.75 Meter) wird bewusst, dass vielleicht nicht alles in Atlas Shrugged Vulgärgewäsch ist. Die Vorwürfe an die staatlichen Geistesmenschen sind nicht immer unbegründet: Weshalb sollen die Leistenden für die Faulen zahlen? Oh my god – wurde ich heute Abend ge-ayn-randet? Der Streik überzeichnet nicht immer so stark, wie es an einem linken Theaterabend möglicherweise in seiner Verantwortung stünde. Ich höre dem Protagonisten Hank Rearden merkwürdig gerne zu, wenn er «die Sozialschmarotzer und Verunmöglicher» in den Topf haut. Aber wenn kapitalistische Argumente derart überzeugen, sind vielleicht linke Gegenentwürfe scheisse? Ist nicht Trump das Arschloch, sondern wir die Nichtskönner*innen? Es täte weh, wäre es wahr. Und das wäre gut.

Natürlich: Es bleiben viele Fragen ungeklärt, Ansätze verstumpfen im Ansatz und am Schluss weiss ich nicht mehr so genau, was Der Streik mir sagen will oder was meine eigene Meinung ist. Aber braucht es in einer vieldeutigen Zeit nicht gerade vieldeutige Geschichten? Die grossen Verliererinnen und Verlierer der Gegenwart sind Menschen, die eine klare Botschaft haben. Antworten gibt es genug, viel wichtiger sind die Fragen. Es lebe die Unsicherheit!