Hört uns einfach mal zu!!

Ein Erfahrungsbericht über die Premiere von Flex.

Kein Wunder, dachte ich vor der Premiere von Flex, dass sich diese beiden verschwestern: die feministische Bewegung und die Theaterwelt. Die haben ja dasselbe Problem: Sie müssen sich immer wieder legitimieren, ihre Existenz rechtfertigen. Wenn es das Theater nicht schon ewig gäbe – würde heute, nach Film, TV und YouTube, noch jemand auf die Idee kommen, es zu erfinden? Und hätten Frauen nicht Jahrhunderte lang um politische Rechte kämpfen müssen – würde heute, nach bald 20 Jahren Angela Merkel, noch eine feministische Bewegung entstehen?

Suna Gürler hält sich mit solchen Hypothesen nicht auf. Ihr Stück ist derart hier und jetzt, derart fresh und forsch und in-your-face, ihr Anliegen so offensichtlich berechtigt, dass sich die Frage nach der Aktualität erübrigt. Das hier ist eine Dringlichkeitssitzung. "Hört uns einfach mal zu!!", lautet dieses Anliegen, und die Regisseurin braucht ihren Spielerinnen kein Argumentatrium vorzugeben – sie gibt ihnen eine Bühne. Das reicht.

Was die sechs – Lea Agnetti, Anna Lena Bucher, Alina Immoos, Elif Karci, Noemi Steuerwald und Antoinette Ulrich – darauf veranstalten, ist verblüffend. Obwohl die Themen kaum grösser sein könnten – es geht um Selbstwertgefühl, Konformitätsdruck, Eifersucht, Liebe, Angst und Freiheit – glaubt man sich an einem Sommerabend irgendwo in einem Park, neben einer Gruppe halbwüchsiger Mädchen, die offensichtlich die Nase voll haben. Aber sowas von. Was sie sagen, fragen, lästern, schreien kommt so echt, so spontan und roh daher, dass ich ungläubig auf die englischen Subtitel starrte, um mich immer wieder zu vergewissern, dass das Stück, ja doch, ein fixes Script hat. Jeder Satz, jeder Aufschrei, jede Bewegung sitzt und scheint den (Laien!)-Darstellerinnen doch nur einzufallen, jetzt grad, aus einer Laune heraus. Es fliegen Stühle durch die Luft, es wird getanzt, rumgerannt, rumgejammert und getröstet, alles akribisch choreografiert, aber alles vor einem riesigen Spiegel, der dem Publikum zu jedem Zeitpunkt sagt: Das ist nicht bloss Theater, was wir hier machen, das ist das Leben – unseres, eures. Schaut es euch an, und dann macht es besser.

Am Ende fällt dieser Spiegel – und mit ihm der Erwartungsdruck, mit dem die Mädchen verzweifelt kämpften. Sie stellen fest, dass das «Perfekte-Mädchen-Spiel» von niemand gewonnen werden kann – nicht mal von Kylie Jenner – und beschliessen, einfach auszusteigen. Sie werden sich ihr Glück und ihre Ziele nicht mehr diktieren lassen. Und statt an das perfekte Selfie glauben sie ab sofort an sich selbst.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.