Liebe?

Ein Erfahrungsbericht über Miranda Julys Der erste fiese Typ.

Liebe?

Der Pfauen «frisch gestrichen» – ich lasse mich überraschen.

Im Vorhof des Musentempels ein frech-fröhlicher, neongelber Touch, eher unauffällig wiederholt im eigentlichen Foyer, als diskretes Echo auf das lautstarke «Hallo Zürich» der neuen Theater-Crew.

Noch bevor die Liebesgeschichte «Der erste fiese Typ» von Miranda July ihren Anfang nimmt, ringen die beiden Hauptdarstellerinnen auf offener Bühne kraftvoll und schonungslos miteinander und rollen den Zuschauer*innen in der ersten Reihe knapp vors Gesicht. Als es dann ernst gilt, wird erst einmal eine Kampfpause eingelegt. Maja Beckmann und Henni Jörissen erklären, was sie, zusammen mit der Pop- und Jazzmusikerin Brandy Butler und der Videokünstlerin Rebecca Meining, bieten wollen: Sie werden, ganz im Sinne von Miranda July, Frauen zeigen, die auf der Bühne «Sachen machen, welche sonst hinter geschlossenen Türen stattfinden». Und tatsächlich – im Verlauf des Nachmittags wird vor aller Augen gespuckt, gekotzt, Geschirr zerschlagen und Körperlotion verspritzt, orgiastisch geträumt und schliesslich, mit viel Geschrei und fake Blut, gar eine Geburt inszeniert. Die beiden Protagonistinnen spielen ihre körperlich und seelisch verzehrenden Rollen leidenschaftlich gut und differenziert.

Dennoch verlasse ich am Ende den Ort irritiert und ohne den geringsten «Mehrwert» in Herz und/oder Kopf. Nicht dass ich mir das Theater als moralische Anstalt wünschte. Aber ich meine, mir ein kleines Glücksgefühl erhoffen zu dürfen, wenn die Grundlage des Bühnenstücks, der gleichnamige Roman von Miranda July, als «eine der berührendsten Liebesgeschichten der letzten Jahre» angepriesen wird, als ein Werk, das der «Guardian» unter die zehn eindringlichsten Liebesromane neben Tolstois «Anna Karenina» stellt. Woran liegt es, dass ich dieses Drama ganz anders erlebe? Wurden beim Über-setzen (!) von der Prosa ins Drama Gewichte verändert, Emotionen verschoben, leise Buch-Wörter in laute Bühnen-Sätze verkehrt?

Sollte mich ein Liebeshauch streifen, wenn die 20jährige Clee, eine manierenfreie Chaotin, den Wertekatalog ihrer Gastgeberin Cheryl handgreiflich und ekelerregend auf den Kopf stellt? Oder hat der über 6ojährige fiese Philip etwas mit berührender Liebe zu tun, wenn er die in ihn verliebte Cheryl um Erlaubnis bittet, mit einer 16-Jährigen Sex haben zu dürfen? Muss ich mich also mit der Kuss-Sequenz zwischen Cheryl und Clee, gegen Ende des Stücks, begnügen, mit diesem Quäntchen unerwarteten Liebespotenzials, das sich im hintersten Bühnenraum offenbart? Vielleicht.

Als kollektiv und divers aufgestelltes Haus halten wir die Vielfalt von Perspektiven und Meinungen hoch und laden zu jeder Inszenierung Menschen ein, einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Das sind nicht zwingend Theaterkritiker*innen, aber auf jeden Fall kritische Beobachter*innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten.