Es gehört zur Magie dieser Generalprobe, dass es das Stück der Stunde ist, aber dass es nicht gespielt werden kann.

Ein vielstimmiger Erfahrungsbericht aus der Generalprobe von Das Weinen (Das Wähnen)

Bruno Hitz, ehemaliger Dramaturg: Für mich war Das Weinen (Das Wähnen) einer der schönsten Marthaler Abende und ich habe sicher schon 15 bis 20 gesehen. Es gehört zur Magie dieser Generalprobe, dass es das Stück der Stunde ist, aber dass es nicht gespielt werden kann. Als Christoph Marthaler, der mich zur Generalprobe eingeladen hat, in Hamburg angefangen hat zu proben, ahnte noch niemand etwas vom Corona-Virus. Und doch spielt das Virus natürlich mit. Denn die Inszenierung spielt in einer Apotheke und die Apothekerinnen büschelen im Leerlauf all die Medikamente – im Leerlauf, weil jede es anders macht, alle fein elaboriert und am Schluss wird alles weggefegt. Alles landet sozusagen im Müll. Meine These ist, dass diese Heilmittel unsere globalisierte, kapitalistische Gesellschaft nicht mehr heilen können. Unsere Gesellschaft ist so krank wegen der Ausbreitung dieses globalen Kapitalismus, welcher die Welt zerstört. Diese Mittel helfen nichts mehr.

Wunderbar an diesem Abend sind die fünf Frauen, die das Lacrimosa von Mozart so herrlich singen. Diese Aufführung ist ein Beweinen – mir kamen wirklich die Tränen – dieses Zustands wie die Welt ist. Unpolemisch und auch nicht satirisch, es ist ein Beweinen dieses Zustands. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, denn dieser Abend lebt von Einzelheiten. Mit wenigen Leuten auf der Bühne ein wirklich grosser Abend.


Yana Ross, Hausregisseurin: When the curtains opened, there was an uneasy laugh the very small audience: The stage is a pharmacy and we are acutely aware of how prophetic this moment is in our immediate time. Then comes a complex and delicious Dieter Roth text that rolls off the actors tongue and thunders in my head with allusions to Gertrude Stein and Daniel Charms and most importantly the absurdness of our current existence...

Second shock: a mis-an-scene of clicking pens as the pharmacy workers slide through the space. I have made a clicking-pen scene in my Rest and Relaxation rehearsal room just two weeks ago, thinking: "how-Marthaler-of-me, he could've made something like this." Here we go. An artistic moment of closeness. Influence. Admiration, humbleness.

Third shock: Shaking hands with Christoph Marthaler - a forbidden etiquette, my hand reaches out on autopilot, I introduce myself and tell him that his work has touched and formed a certain moment of my life. It takes me 1 hour and 30 minutes to realize I should not have shaken his hand. These are new times. we are supposed to keep distance. Day 1. Ground Zero.

I will remember this night. No doubt.


Karin Seinsoth, Hauser & Wirth: Mir hat der Rhythmus zwischen Musik und Text während des gesamten Stücks sehr gefallen. Der Fokus auf Roths Texte ist für mich persönlich das Bedeutende am Stück. Einerseits die Absurdität, das Unsinnige, geprägt von Missverständnissen, aber auf der anderen Seite auch der enorme Reichtum unserer Sprache und zwischenmenschlichen Kommunikation.

Ausserdem: eine wirklich tolle, überzeugende und starke Frauentruppe! Ein Lieblingsmoment war als alle Frauen in ihren schicken Kostümen vorne standen, der einzige Mann verloren auf der Waage daneben. Herrlich!

Das Bühnenbild einmalig und in dieser Zeit so passend, dass es schon fast Angst macht.


Leila Vidal-Sephiha, Produktionsassistentin: Kurz vor der GP von Das Weinen - Das Wähnen am Freitag, der 13. März war die Entscheidung gefallen: das Theater muss schliessen. Meine Reaktion: wenn wir wochenlang kein Theater mehr haben werden, muss ich noch ein letztes Mal hin. Was für eine gute Wahl.

Im Saal müssen wir alle mit zwei Metern Abstand sitzen. Was für ein komisches Bild: ein Theatersaal mit Lücken überall, wo die Leute nicht nebeneinandersitzen dürfen - das Gegenteil eigentlich von der Idee des Theaters und Zusammenkommens. Viele Einzelne in einer kollektiven Erfahrung. Ich kann nicht anders, als die Leute im Zuschauerraum zu beobachten. Wir wissen alle, dass wir etwas Besonderes erleben heute Abend. Wir sind da, um die Kunst ein letztes Mal zu zelebrieren.

Wir erleben eine gemeinsame Erfahrung und spüren durchaus unsere Kollektivität auf der Bühne und im Saal. Niemand will, dass es aufhört. Man möchte bleiben in dieser Welt der Kalauer, der absurden Situationen, wo Medikamente und Stifte tanzen - man will sich der Wirklichkeit draußen entziehen.

Der Applaus ist warmherzig, die Tränen kommen, denn die geplante Premiere am nächsten Abend würde nicht stattfinden.


Lena Schwarz, Schauspielerin: DIE GENERALPROBE WAR IN GEWISSER WEISE WIE EINE MESSE: AM LETZTEN FREITAG, EIN DREIZEHNTER FREITAG, SASSEN WIR IM ZUSCHAUERRAUM IN GEBÜHRENDEM ABSTAND – ZWEIEINHALB METER – UND ICH FÜHLTE MICH WIE EIN KIND IN ERWARTUNG VON ETWAS NIE GEKANNTEM. ES LAG SO VIEL AUFREGUNG UND GLEICHZEITIG DEMUT IN DER LUFT (DAVOR, WAS GLEICH AUF DER BÜHNE UND ABER AUCH ÜBERHAUPT PASSIEREN WÜRDE), UND UNSERE WARTESITUATION IM ZUSCHAUERRAUM WAR WIE EIN TEIL DER INSZENIERUNG: DAS HIN-UND HER & WIEDER UMSETZEN.

ETWAS PASSIERT ZUM LETZTEN MAL. SO FÜHLTE ES SICH AN. DER ABEND WAR DER EINSTIEG ZU EINEM TRIP UND JETZT SIND WIR NACH EINER WOCHE MITTENDRIN.

WIE WUNDERVOLL WAIDWUND NIKOLA DAS LIED GESUNGEN HAT...

MELANCHOLISCHER GLEICHFÖRMIGER RÄTSELWORTKOKON-TANZ. AUCH EINE LIEBESERKLÄRUNG AN DEN MENSCHEN. DIESE SELTSAME GATTUNG. IHRE ERFINDUNGEN. BESCHRÄNKTHEITEN. IHRE ÄHNLICHKEIT UNTEREINANDER. SICH ABSTOSSEN & DOCH BRAUCHEN.

ERZÄHLT DER ABEND NICHT AUCH EIN VERLUST VON EINER WELT WIE WIR SIE KANNTEN?

ICH WERDE DIESEN ABEND NIE VERGESSEN! DIESEN ABEND NACH DEM VORANGEGANGENEN TAG.


Barbara Higgs, Leiterin Fundraising & Development: Für uns Mitarbeiter*innen sind Proben das Schönste. Diesmal blieb mir der Mund offen stehen vor Staunen: Auf der Bühne fünf zauberhafte Mozart-summende & Roth-rezitierende Apothekerinnen, ein Mann, tausende Pillen, die nichts taugen – und draussen gleichzeitig die ersten Meldungen über Corona. Es ist sosehr das «Stück der Stunde»!


Prof. Dr. med. Martin Meuli, Direktor der Chirurgischen Klinik am Kinderspital Zürich: Wir haben einen Roth unterlegten Marthaler Abend vom Feinsten erlebt - in einem gespenstischen Schauspielhaus: das Gähnen der leeren Reihen und auch das Scheinen der flotten Apotheke, deren leere Medikamentenschachteln am Ende auf den Brettern landen, die die Welt bedeuten. Eine Welt, die angesichts der sich anbahnenden Vervirung nicht so ganz zu retten ist.


Sachiko Hara, Schauspielerin: Eine wundervolle Generalprobe. Zum Glück habe ich die gesehen.

Ich arbeitete für zwei Stücke in Hamburg mit Christoph Marthaler und erinnere mich, wie er uns oft sagte, «Sing leise, Sing leise.» Das Schauspielhaus Hamburg ist riesig, deshalb hatten wir manchmal Schwierigkeiten rauszufinden, wie leise wir singen können und dabei trotzdem die Zuschauer*innen erreichen. Hier im Pfauen funktionierte dieser leise Gesang besonders gut und ich habe den zarten Klang der Stimmen an diesem Abend ganz besonders genossen.


Dr. med. Brida von Castelberg, ehemalige Verwaltungsrätin: Im Vordergrund steht ein Zähler und zählt unaufhaltsam. Auf der Bühne einer bis zur Decke gut bestückten Apotheke spielen und tanzen die grossartigen Darsteller*innen und bitten immer wieder mit dem eindrücklich gesungenen «Lacrimosa» um Ruhe und Vergebung. Ruhe gibt es allerdings keine auf der Bühne, sondern traurige, poetische und urlustige Momente: absolut zauberhaft. Am Ende liegen die Medikamente auf dem Boden, die Regale sind leer und leider auch das Theater - hoffentlich nicht zu lange!!