Flüche brechen

Ohne die Inszenierung Greta zu kennen, reflektiert Martina Clavadetscher in einem Gedankenexperiment über die Klimastreiks und die Dringlichkeit ihrer Forderungen.

Die Welt ist schnell, aber sie ist nicht schnell genug. Immerhin: Was vor rund einem Jahr mit Greta Thunbergs einsamen Sitzprotest in Schweden begann, wurde als Friday for Future zur grössten globalen Bewegung seit 1968 und findet nun mit der Extinction Rebellion ihre radikalere Fortsetzung. Die Nachkommen kümmern sich, mehr noch: Sie kämpfen. Und stellen sich dabei einer ganzen Reihe von alten Flüchen.

Hier rückt eine Jugendbewegung auf das politische Parkett, die endlich jene Verantwortung übernimmt, die die vorangegangene Generation geradezu fahrlässig abgegeben hat – weil sie glaubte, sie hätte besseres zu tun. Zu abgelenkt ist sie durch Wohlstand und Wachstum, dass sie nicht mehr erkennen, wie straff ihre politischen Vertreter vom Neoliberalismus an der Leine gehalten werden.

Es war aber noch nie die Stärke der Menschheit, in weiser Voraussicht zu handeln. Im Gegenteil: Eine fatale Unfähigkeit zur Prävention belastet die Welt. So überdeutlich die Anzeichen auch sein mögen, es dauert viel zu lange, eine drohende Katastrophe als solche zu erkennen, geschweige denn ihr zuvorzukommen. Wie der Frosch im langsam kochenden Wasserbad gewöhnen wir uns sukzessive an jede Verschlechterung. Muss die Katastrophe zuerst eintreten, damit wir zu effizienten Reaktionen fähig sind? So wie 1816, als der plötzliche Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora ganz Westeuropa ein «Jahr ohne Sommer» bescherte. Die Folge davon waren Wetterchaos, Hungersnot, Menschen starben oder wanderten aus – aber in kürzester Folge gab es auch einen sprunghaften Anstieg von technischen und gesellschaftlichen Innovationen: neue Sozialhilfemassnahmen wurden eingeführt, und aufgrund des Pferdesterbens wurde das Fahrrad entwickelt. Ist unmittelbares Leid eine Grundvoraussetzung für Fortschritt? Ist der Kollaps unser wiederkehrendes Schicksal? Die derzeitige Klimabewegung glaubt an kein unabwendbares Verhängnis, sie glaubt an konsequentes Handeln.

Über Jahrzehnte investierten Wissenschaftler und engagierte Politiker in Klimakampagnen, doch litten deren Bemühungen oft unter einem seltsamen Fluch der Unglaubwürdigkeit, während Zweifler und Leugner freie Bahn hatten. Die Klimajugend – und an ihrer medialen Spitze Greta Thunberg – wirkt glaubwürdiger als alle Mitstreiter zuvor. Die Bewegung bleibt so einflussreich, gerade weil sie sich von allen Verlockungen und Verhandlungen hütet. Die Climate Strikes und die Extinction Rebellion verfolgen eine andere Strategie: Kein Dialog, keine Lösungsvorschläge, sondern Sichtbarmachung und Ausübung von Druck. Diese scheinbare Vereinfachung stärkt ihre Anliegen in dem, was sie sind: wichtig und wahr – zu wichtig und zu wahr, um ihnen zu widersprechen. Diese absolute Dringlichkeit ist Hauptmotor der Bewegung, und stösst damit ganz unweigerlich auf einen weiteren, lähmenden Fluch: die Demokratie.

Das demokratische System ist – trotz seiner Vorteile – ein natürlicher Feind der Geschwindigkeit. Dabei braucht es gar kein flexibleres System, aber das bestehende System hat seine Hierarchien und Prioritäten radikal zu überdenken. Wobei die vergangenen Parlamentswahlen bereits einen klaren Richtungswechsel aufzeigten. Doch die existierende Bedrohung eines Klimakollaps verlangt auch Eile, eine unschweizerische, uneuropäische Eile, die durchaus demokratisch sein kann – ja demokratisch sein muss. Aber die Demokratie ist gefordert, und zwar zur Effektivität. Die Situation verlangt unliebsame Entscheidungen, Eingeständnisse und Verzicht – kurz: Es wird weh tun.

Climate Strikes und Extinction Rebellion müssen unbequem bleiben. Sie sind der nervige Stachel, der die Demokratie anreibt – und sie zwingt, Grosses zu leisten. Die Ungeduld wächst – von Schulstreiks über gewaltfreie Demonstrationen bis zu zivilem Ungehorsam, Blockaden und Verhaftungen. Das lahmende System muss auf Vordermann gebracht werden. Nur so entkommt es seinen alten Flüchen.