Corona-Passionsspiel
– was ist das?

Wie kam es zu der Idee eines Corona-Passionsspiels?

Nicolas Stemann: In der Vergangenheit wurden Epidemien ganz konkret mit Theater bekämpft – und offensichtlich recht wirksam, wenn man sich etwa den Gründungsmythos der Oberammergauer Passionsspiele vor Augen führt: als Reaktion auf die Pest taten die Bürger Oberammergaus 1633 den Schwur, ein Theater zu gründen und alle zehn Jahre bis an das Ende aller Zeiten ein Passionsspiel aufzuführen. Sofort war die Pest beendet und fortan kein Toter mehr zu beklagen. Der Schwur wurde eingelöst – bis zu diesem Jahr, da die Passionsspiele erstmalig seit ihrer Gründung nicht stattfinden können - ironischerweise ausgerechnet aufgrund einer Pandemie. Vielleicht kann Theater also mehr ausrichten als man denkt.

Wie weit ist der Entstehungsprozess?

Nicolas Stemann: Ganz am Anfang: Die Idee ist erst wenige Tage alt. Geplant ist, die Menschen unmittelbar am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen. Alle paar Tage wird etwas Neues veröffentlicht: ein Lied, ein Text, eine Idee, ein Bild. Das alles ist noch ungeordnet und im Prozess völlig offen.

Wer wird am Passionsspiel mitarbeiten?

Nicolas Stemann: Auch das wird nach und nach wachsen. Momentan gibt es nur mich, der ein paar Ideen für Lieder und Texte hat und Emma-Lou Herrmann, die die Videos erstellt. Doch dieser Kreis wird sich zunehmend erweitern. Das Schauspielhaus Zürich ist zwar momentan geschlossen, doch seine Mitarbeiter*innen sind alle da: ein grosses Ensemble von Bühnenkünstler*innen, Dramaturg*innen, Techniker*innen, Assistent*innen, die alle zwar momentan nicht zur Arbeit gehen dürfen, die aber dennoch von zu Hause arbeiten können. Wir werden sehen, wen man auf welche Art einbinden kann. Wir müssen alle erst Erfahrungen machen, auf so eine Art zu arbeiten. Niemand weiss wirklich, wie das geht – und zu welchen Formen das führen kann.

Warum klingt es wie ein Musical, wenn es doch eine Passion sein soll?

Nicolas Stemann: Das Musical-Genre steht nur am Anfang, man wird sehen, wie das Projekt sich weiterentwickelt. Es geht um einen Stil- und Genre-Mix. Da das Stück an den aktuellen Umständen entlang geschrieben wird und praktisch in Echtzeit auf diese reagiert, kann sich die satirische Leichtigkeit durchaus zu etwas sehr Düsterem wandeln. Es beginnt in der Musical-Sprache Englisch – aber vielleicht geht es irgendwann auf Latein weiter. Und endet in der Sprache der Viren, mal sehen.

Ist es nicht vermessen angesichts des Ernstes der Situation, dass das Projekt so spielerisch daherkommt?

Nicolas Stemann: Was mir an dem Wort «Passionsspiel» gefällt, ist die Spannung zwischen der Passion, also dem Leiden, und dem Spiel. In dem Wort (auch wenn es ursprünglich anders gemeint war) schwingt die Tragikomödie mit. Was das Spiel angeht: Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, dass auch Impfstoffe, ähnlich wie Theater, mit Mimesis und Verkleidung arbeiten. Harmlose Virenarten „spielen“ gewissermassen gefährliche Krankheitserreger und bringen den Körper so in einem spielerischen Rahmen dazu, Resistenzen zu entwickeln und sich zu immunisieren. Genau so funktioniert Theater! Dass ausgerechnet Seuchen und Epidemien dem Theater in Mitteleuropa einen Initiationsschub beschert haben, ist deshalb folgerichtig! Das Spiel und das Spielerische mögen manchmal wie blosser Quatsch wirken – aber letztlich geht es um mehr. Je nach Betrachtungswinkel können ja auch klassische Passionsspiele durchaus komisch und absurd wirken, wenngleich dies natürlich nicht intendiert war.

Klassische Passionsspiele erzählen von Kreuzigung und Auferstehung Christi. Wovon wird das Corona-Passionsspiel handeln?

Nicolas Stemann: Das weiss ich noch nicht. Ich beginne erst einmal damit, einzelne Ideen hinzuwerfen. Das ist noch ungeordnet und zusammenhanglos, mal sehen, was es am Schluss ergibt und ob das unbedingt kohärent sein muss. Ich kann mir vorstellen, dass es wie eine Chronik beginnt und dann immer phantastischer wird. Vielleicht kommt auch Jesus vor – der war ja in gewisser Weise auch Arzt. Wahrscheinlich wird irgendwann auch das Virus auftreten und in einem Choral fragen, wer denn eigentlich der schlimmere Krankheitserreger ist: Viren oder Menschen.

Wann und auf welche Art wird das Corona-Passionsspiel zur Aufführung kommen?

Nicolas Stemann: Es geht darum, mit einem Theater umzugehen, in dem es momentan weder Proben noch Aufführungen geben kann – und trotzdem irgendeine Art zu finden, theatralisch produktiv zu sein. Ob es jemals zu einer Aufführung im klassischen Sinne (auf einer Bühne, vor einem Publikum, in einem Theatersaal) kommen wird, ist dabei momentan zweitrangig. Vielleicht reicht es, wenn sich dieses Projekt nur in der Vorstellung der Zuschauer*innen verwirklicht. Die einzelnen Teile, die wir veröffentlichen werden, funktionieren dabei gewissermassen so wie ein Starschnitt (weiss noch jemand, was das ist?), den man nach und nach zusammensetzen kann. Sollte es allerdings eines Tages tatsächlich zu einer Aufführung kommen, dann muss diese alle zehn Jahre im Zürcher Schauspielhaus wiederholt werden - egal übrigens, wer dann Intendant sein wird. So der Schwur.