Der Schöpfer ist tot. Ab ins Museum!

von Tabea Steiner

Ein Erfahrungsbericht zu Der Mensch erscheint im Holozän

Herr Geiser glaubt nicht an die Sintflut, das tut aber nichts zur Sache. Es kommt einer auch gar nicht dazu, an etwas zu glauben, in quei tempi.

Es rauscht nämlich und regnet, es blitzt und donnert, Windkanonen werden aufgefahren. Man ist auch hinter der vierten Wand nicht geschützt, weder vor den Nebelschwaden noch dem Wind, und schon gar nicht vor den grellen Taschenlampen oder dem Angriff mit Stroboskop.

Wer aber Funktionskleidung besitzt, von bester Qualität und idealerweise neonfarben, ist für dieses Abenteuer bestens gerüstet, für diese ästhetische Zeichenschau, diese Explosion von Farben, Licht, Bildern, Sound und Rhythmus.

Sobald aber der Regen auch nur ein wenig nachlässt, wird das Ausmass des Desasters sichtbar. Da ist der tote Salamander, die kaputte Strasse, der höfliche Dinosaurier. Und die von alleine turnenden leeren Geriatriebetten weisen auch nur darauf hin, dass der Mensch so einiges errungen hat, was ihn dereinst überleben wird.

Es ist ein Stück, in dem alles Denkbare gezeigt wird, ein Baumstamm mit glühendem Kern oder eine pädagogische Meisterleistung, zum Beispiel, und mit Ausnahme des Menschen erscheint alles Mögliche im Hologramm. Nichts soll vergessen, nichts aus dem Menschheitsgedächtnis verloren gehen, und man fragt sich, wohnt man hier einer Werkschau der Schöpfung oder vielmehr einer der technischen Errungenschaften bei?

Schliesslich hört man nur noch die Tropfen, die von den Efeublättern fallen. Die Sinne dergestalt geschärft, kann man sich momentelang nichts Romantischeres denken, als auf das Ende eines grossen Regens zu warten, die Stille danach.

Und wie erste Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die Wolken bahnen, schickt der Beamer flugs Buchstaben durch den Raum an die Leinwand.

Poetisch angefixt, wie man ist, freut man sich mit Herr Geiser, dass alles, was schön war an diesem Stück, und überhaupt alles, was einmal war und nicht mehr ist, nochmals aufgefahren wird. Ein Theaterstück also, das als hylische Videoinstallation daherkommt und sich schlussendlich in eine veritable Kunstaustellung verwandelt.

Der eigentliche titelgebende Text aber, dieses kraftvoll zeitlose Stück Literatur, spielt eine etwas untergeordnete Rolle in diesem Weltuntergangsszenario, ist gründlich verschüttet worden unter der Lawine an Technik, Klettergeräten, Gletscherplachen. Vielleicht wird deswegen im Anschluss Max Frischs Rede zur Schweiz als Heimat gezeigt, der Kopf des Autors auf die ganze Grösse des gefallenen Vorhangs gebeamt, in einer Aufnahme, in welcher der Mikrofonkopf exakt so vor dem Gesicht des Redners platziert ist, dass es wirkt, als wäre Max Frisch auf ganz natürliche Weise eine Clownnase gewachsen.