Francois hält uns allen einen Spiegel vor

Ein Erfahrungsbericht über die Zürich-Premiere von Unterwerfung

Irgendwer hat mal gesagt, man müsse den Rassisten in sich selbst erkennen, um Rassismus bekämpfen zu können. Dieser kluge Gedanke lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen – und er schützt vor den Lockungen jener, die da meinen, mit lautstarker Empörung über die Schlechtigkeit der anderen und mit der Demonstration eigener Tugendhaftigkeit wäre es getan. «I don't know if I can trust you / All I know is that I cannot trust myself», sang die Thrash-Metal-Band Kreator 2012. So ist es. Wer sich selbst vertraut, sitzt einem Hochstapler auf.

Über die Bücher von Michel Houellebecq kann man sich wunderbar empören. Sie bieten Steilvorlagen, um sich über mit reaktionärer Feder gezeichnete Frauenfiguren oder über abendländischen Kulturpessimismus zu echauffieren. Nichts leichter als Houellebecq-Skandalfeuer, die der Autor selbst schürt und die seine Kritiker brav anfachen. Verstärkend kommt hinzu, dass der Franzose aus seiner konservativen Gesinnung keinen Hehl macht. Die für manche empörende politische Haltung des Autors ist längst mit Houellebecqs literarischem Schaffen verschmolzen. Empörung aber ist, wie die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva 2013 treffend sagte, «negativer Narzissmus». Empörung sei «eine von Abwehr und Zorn geprägte und jugendlich-unreife Reaktion, die keine glaubwürdige Alternative benennt, weil sie keinerlei Interaktion mit dem anderen vorsieht».

Diese und ähnliche Gedanken wälzend, begab ich mich zur Premiere von Unterwerfung ins Schauspielhaus. Schon nach kurzer Zeit war klar: Johan Simons' Inszenierung von Houellebecqs gleichnamigem Roman (2015) unterläuft die Empörungs- und Skandalisierungslogik. Man hätte den Protagonisten des Buches, den alternden, trinkenden, amourös und sexuell frustrierten, die Islamisierung Frankreichs miterlebenden Literaturwissenschaftler François (Stefan Hunstein), wunderbar lächerlich machen können. Man hätte sich einem Zeitgeist anbiedern können, der der homogenisierenden Sicht auf Gruppen, etwa auf Migranten oder Frauen, mit noch mehr homogenisierenden Gruppenkonstrukten, etwa «alten, weissen Männern», begegnet. Genau das geschieht in diesem Stück nicht. Je länger man Stefan Hunstein als François zuschaut, und obwohl man sich innerlich dagegen wehren mag, desto sympathischer wird einem der abgehalfterte Zyniker – so zumindest bestätigte es mir meine weibliche Begleitung.

François, das ist nicht nur die Personifikation des alten Europas als akademischer Macho. François hält uns allen einen Spiegel vor. Vielleicht können nur die, die den François in sich selbst erkennen, der Re-Identitarisierung in den heutigen Culture Wars etwas Konstruktives entgegensetzen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass François in Simons Inszenierung nahbar bleibt – selbst dann, wenn er am Ende zu den Islamisten überläuft. Immerhin, so seine Erwägung, kann man sich bei denen gleich mehrere, zumal sehr junge Frauen nehmen, und das Gehalt an der islamischen Universität in Paris stimmt auch. Derlei Konversionen kennt man von zahlreichen historischen Regimewechseln. Myriam (Karin Moog), François jüdische Freundin, flieht derweil nach Israel. François' verkörpert damit auch den Opportunisten, der, in unterschiedlichen Anteilen, in uns allen steckt. Mit seinem kritischen Denken wähnt er sich immun gegen die «Unterwerfung». Von wegen. Ganz zu schweigen von seinem Kollegen Steve (Guy Clemens). Der ist einerseits Anhänger der rechtsextremistischen identitären Bewegung Frankreichs und andererseits der erste an der Uni, der mit den Islamisten kollaboriert, als diese an die Macht kommen. Die patriarchalen Boni der neuen Regierung will er sich nicht entgehen lassen. Promoviert hat Steve über den Dichter Arthur Rimbaud. Dessen berühmtestes Zitat lautet: «Ich ist ein Anderer.» Das sollte mit Blick auf die heutigen Identitätsdebatten und die machtstrategisch inszenierten Kulturkämpfe, von denen Houellebecqs Buch im Kern handelt, aufs Neue zu denken geben.